73 - Kompetenzzentrum Naturschutz und Energiewende 73 - Kompetenzzentrum Naturschutz und Energiewende

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Veröffentlicht
9.12.2016
Schlagworte
  • Helgoländer Papier
  • Rotmilan
  • Windenergie

Frage

Ist es zutreffend, dass im Helgoländer Papier 2015 vorgegeben wurde, dass „50 % der Flugaktivitäten während der Brutzeit“ Bemessungsgrundlage für die Abstandsangaben WEA/Brutplatz sind, aber beim Rotmilan aus der zitierten Publikation von Pfeiffer und Meyburg (2015) fälschlicherweise die Flugaktivitäten ausschließlich männlicher Rotmilane, ausschließlich während der Aufzuchtzeit angegeben wurden?

!Antwort

Im „Helgoländer Papier 2015“ werden Mindestabstände von Windenergieanlagen (WEA) zu Brutvogelvorkommen WEA-sensibler Arten empfohlen (LAG VSW 2015, Tab. 2, S. 4). Die artspezifischen Abstandswerte repräsentieren genauer formuliert „den Bereich um den Neststandort, in dem der überwiegende Teil der Aktivitäten zur Brutzeit stattfindet“, das heißt „mehr als 50 Prozent der Flugaktivitäten“ (ebd. S. 3, eigene Hervorhebungen). Die empfohlenen Mindestabstände basieren auf Ergebnissen von Telemetriestudien, Kollisionsdaten, Funktionsraumanalysen, langjährigen Beobachtungen und auf der Einschätzung von Artexperten (ebd). 

In Abschnitt 5 des Helgoländer Papiers wird auf besonders WEA-empfindliche Vogelarten, unter anderem den Rotmilan, gesondert eingegangen. Einleitend wird dort erneut darauf hingewiesen, dass über die explizit in den Artkapiteln zitierten Quellen hinaus teilweise auch Expertenmeinungen sowie weitere Quellen hinzugezogen wurden (ebd., S. 7). Darunter findet sich auch ein Verweis auf eine fortlaufend aktualisierte, online verfügbare Dokumentation des Wissens über das Gefährdungspotenzial für WEA-empfindliche Vogelarten durch die Staatliche Vogelschutzwarte Brandenburg (Langgemach und Dürr 2015).

Für den Rotmilan wird gegenüber der früheren Empfehlung von 1.000 Metern der Länderarbeitsgemeinschaft der Vogelschutzwarten (LAG VSW 2007) im Helgoländer Papier 2015 unter Berücksichtigung der Festlegung in 500 Meter-Schritten ein vergrößerter Mindestabstand von nunmehr 1.500 Metern empfohlen, der „rund 60 % aller Flugaktivitäten umfasst“ (LAG VSW 2015, S. 12). Letzteres widerspricht grundsätzlich zunächst nicht der eingangs angesprochenen Bemessungsgrundlage von „mehr als 50 Prozent“.
Im Zusammenhang mit der Anpassung der Abstandsempfehlung für den Rotmilan wird weiterhin die hohe Verantwortung für die Art angeführt. Zudem wird – in Verbindung mit einer [an der konkreten Stelle nicht näher ausgeführten] „Annahme in Abschnitt 4“ – mit Ergebnissen aus neueren Telemetrie-Untersuchungen von Pfeiffer und Meyburg (in Vorb.) argumentiert, nach denen lediglich 40 Prozent der Flugaktivitäten in einem Radius von 1.000 Metern um den Brutplatz erfolgen, der Mindestwert von 50 Prozent also unterschritten wird. Auf diese Quelle nimmt die Anfrage Bezug.

In der nunmehr veröffentlichten Publikation von Pfeiffer und Meyburg (2015) findet sich die Angabe, dass 56 Prozent der Ortungen von Rotmilan-Männchen außerhalb eines Ein-Kilometer-Radius um den Horst [entspricht 44 Prozent innerhalb des 1.000 Meter-Abstands] sowie 37 Prozent weiter als 1,5 Kilometer entfernt erfolgte [entspricht 63 Prozent innerhalb des 1.500 Meter-Abstands] (ebd., S. 964). Dies ist zudem in der Grafik Nr. 5 der Publikation ablesbar (ebd., S. 972). Im Text zur Grafik wird zudem erläutert, dass sich die Darstellung auf die Periode beziehe, „in der die Vögel Nahrung für die Jungen im Nest heranschafften“ (ebd., S. 971, eigene Übersetzung).

In Bezug auf den zeitlichen Aspekt findet sich im Helgoländer Papier 2015 keine (einschränkende) Definition des Begriffs „Brutzeit“. Allgemein wird jedoch unter dem Oberbegriff der Brutzeit oder auch der Brutperiode nicht ausschließlich die eigentliche Bebrütung des Geleges gefasst, sondern es fallen darunter auch weitere Phasen der Fortpflanzungszeit, wie Revierbesiedelung, Nestbau, Balz, Brut und Aufzucht der Jungen bis zum Selbständigwerden (vgl. z. B. Wassmann 1999). Von daher fallen die oben genannten Zahlen von Pfeiffer und Meyburg (2015) durchaus in den Zeitraum der Brutzeit, wenngleich sie nur einem Teil der Brutzeit abdecken.

In Bezug auf den Geschlechter-Aspekt weisen die Autoren bereits bei der Beschreibung der Methoden darauf hin, dass die Männchen bei der Untersuchung von besonderem Interesse sind, da diese während der Brutzeit die wesentliche Last der Nahrungsbeschaffung tragen (Pfeiffer und Meyburg 2015, S. 964). Dies stimmt mit dem bekannten Wissen zum Fortpflanzungsverhalten des Rotmilans überein, nachdem das Gelege hauptsächlich vom Weibchen bebrütet wird und das Weibchen nach dem Schlüpfen der Jungen auch für deren Pflege und Schutz aufkommt, während das Männchen für die Versorgung des Weibchens bzw. der ganzen Familie mit Nahrung zuständig ist (Mebs und Schmidt 2014, S. 327). Die Ergebnisse von Pfeiffer und Meyburg (2015) bestätigten dies. Aufgrund zu geringer Flugaktivität und damit zu geringem Ladezustand der Senderbatterien in der Phase der Brut- und Jungenpflege konnten von den Weibchen keine oder weit weniger Telemetriedaten empfangen werden. Erst als die Jungen ein Alter von drei bis vier Wochen hatten, beteiligten sich die Weibchen zunehmend an der Jagd (ebd., S. 965). Zusammen mit der reinen Brutzeit (nach Mebs und Schmidt 2014, S. 327 zirka 32 Tage) ergibt sich demnach ein zirka achtwöchiger Zeitraum, während dem nahezu ausschließlich die Männchen flugaktiv sind und damit überhaupt potenziell kollisionsgefährdet und zudem maßgeblich für den Fortpflanzungserfolg (vgl. LAG VSW 2015, S. 12).

Weiterhin ermöglichte der Einsatz moderner GPS-Technik im Vergleich zu früheren Untersuchungen eine erhöhte Datengenauigkeit und auch einen weitaus größeren Datensatz (vgl. Pfeiffer und Meyburg 2015, S. 964).
Unter Berücksichtigung der aufgeführten Aspekte ist es methodisch nachvollziehbar, dass diese Untersuchung als Argument zur Anpassung der Abstandsempfehlung herangezogen wurde.

Während es in der Vergangenheit auch Studien gab, die zu 54 bis 60 Prozent Rotmilan-Aktivität innerhalb von 1.000 Metern Abstand zum Horst kamen (z. B. Mammen et al. 2010 sowie Nachtigall und Herold 2013), gibt es mittlerweile weitere jüngere Untersuchungen, die zu ähnlichen Raumnutzungsmustern von Rotmilanen kommen wie Pfeiffer und Meyburg (2015). So lagen im Rahmen einer GPS-Satellitentelemetrie-Studie in Thüringen, ebenfalls bei telemetrierten Männchen, im Mittel 40 Prozent der Aktivitäten im Umkreis von einem Kilometer und 60 Prozent im Radius von 1,5 Kilometern um den Horst (WAG 2013). Diese Studie ist auch im Quellenverzeichnis zum Rotmilan im Helgoländer Papier aufgeführt (LAG VSW 2015, S. 13). Auch Gelpke et al. (im Druck) kommen bei Telemetrie-Untersuchungen in Hessen an Männchen und Weibchen während der gesamten Brutsaison offenbar zu gleichen Raumnutzungsmustern wie die zuvor genannten Autoren (vgl. Langgemach und Dürr 2015, S. 34).

Unsere Antwort wurde auf der Grundlage des zum heutigen Datum beim KNE verfügbaren Wissens erarbeitet. 

Literaturverzeichnis

Gelpke, C., S. Stübing, S. Thorn (im Druck): Aktuelle Ergebnisse zu Raumnutzung, Zugwegen und Bruterfolg hessischer Rotmilane anhand von Telemetrie-Untersuchungen. Vogel und Umwelt 21 (3).

LAG VSW - Länder-Arbeitsgemeinschaft der Vogelschutzwarten (2007): Abstandsregelungen für Windenergieanlagen zu bedeutsamen Vogellebensräumen sowie Brutplätzen ausgewählter Vogelarten. Helgoländer Papier. Berichte zum Vogelschutz 44: S. 151-153. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 15. September 2016).

LAG VSW - Länderarbeitsgemeinschaft der Vogelschutzwarten in Deutschland (2015): Abstandsempfehlungen für Windenergieanlagen zu bedeutsamen Vogellebensräumen sowie Brutplätzen ausgewählter Vogelarten. Stand 15. April 2015. 29 S. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 26. August 2016).

Langgemach, T., T. Dürr (2015): Informationen über Einflüsse der Windenergienutzung auf Vögel. Stand 16. Dezember 2015. Staatliche Vogelschutzwarte Brandenburg. 98 S. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 07. September 2016).

Mammen, K., U. Mammen, A. Resetaritz (2013): Rotmilan. In: Hötker et al.: Greifvögel und Windkraftanlagen: Problemanalyse und Lösungsvorschläge. Schlussbericht für das BMUB. Michael-Otto-Institut im NABU, Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung, BioConsult SH, Bergenhusen, Berlin, Husum. S. 13-100. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 26. August 2016).

Mebs, T., D. Schmidt (2014): Die Greifvögel Europas, Nordafrikas und Vorderasiens. Biologie, Kennzeichen, Bestände. Kosmos-Naturführer. 2. Auflage. Franckh-Kosmos-Verlag, Stuttgart. 496 S.

Nachtigall, W., S. Herold (2013): Der Rotmilan (Milvus milvus) in Sachsen und Südbrandenburg. Jahresbericht zum Monitoring Greifvögel und Eulen Europas. 5. Sonderband. 104 S.

Pfeiffer, T., B.-U. Meyburg (2015): GPS tracking of Red Kites (Milvus milvus) reveals fledgling number is negatively correlated with home range size. Journal of Ornithology 156 (4): S. 963-975. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 10. September 2016).

WAG - Weltarbeitsgruppe Greifvögel und Eulen e. V. (2013): Untersuchung von Raumnutzungsmustern des Rotmilans (Milvus milvus) mittels GPS-Satellitentelemetrie im Thüringer EG-Vogelschutzgebiet Nr. 17 als Grundlage zur Managementplanung für bedeutende Lebensräume dieser Vogelart. Zwischenbericht zum Projekt. 20 S.

Wassmann, R. (1999): Ornithologisches Taschenlexikon. AULA-Verlag, Wiebelsheim. 320 S.