169a - Kompetenzzentrum Naturschutz und Energiewende 169a - Kompetenzzentrum Naturschutz und Energiewende

Information

Veröffentlicht
7.09.2018
Schlagworte
  • Rotmilan
  • Vermeidungsmaßnahmen
  • Vögel
  • Windenergie

Frage

Ist aus fachlicher Sicht vertretbar, Ablenkflächen für den Rotmilan zur Vermeidung von Tötungsrisiken durch Windenergieanlagen ohne zusätzliche Flächen auch für betroffene Schwarzmilane „anzurechnen“? In Mecklenburg-Vorpommern sind multifunktionale Maßnahmen für mehrere Arten möglich, wenn diese „ökologisch unterschiedlich“ sind.

!Antwort

Eine „offizielle“ oder „anerkannte“ verschriftlichte ornithologische Einschätzung zur „ökologischen Gleichartigkeit bzw. Unterschiedlichkeit“ von Rotmilan und Schwarzmilan ist nicht bekannt.

Gemäß ornithologischen Standardwerken, wie dem Atlas Deutscher Brutvogelarten (Gedeon 2014) oder Fachbüchern zu Greifvögeln (z. B. Mebs und Schmidt 2014), sind die Lebensraumansprüche von Rotmilan und Schwarzmilan durchaus ähnlich. Zwar besiedelt der Schwarzmilan bevorzugt halboffene Habitate in der Nähe von Gewässern, während der Rotmilan offene, reich strukturierte Landschaften präferiert. Zunehmend werden vom Schwarzmilan jedoch auch gewässerferne Lebensräume besiedelt (Gedeon 2014, S. 202f. sowie Mebs und Schmidt 2014, S. 334). Dabei können Rot- und Schwarzmilane – eine entsprechende Nahrungsverfügbarkeit vorausgesetzt – auch in größerer Zahl in unmittelbarer Nähe zueinander brüten (ebd.).

Hinsichtlich des Nahrungserwerbs und der Nahrung bestehen weitgehende Ähnlichkeiten zwischen Rot- und Schwarzmilan. Beide Arten erbeuten aktiv Kleinsäuger sowie kleine bis mittelgroße Vögel. Zum Teil handelt es sich dabei um geschwächte oder unter anderem durch landwirtschaftliche Maschinen verletzte oder getötete Tiere. Zudem nehmen beide Arten auch Aas oder Fleischabfälle an, jagen anderen Greifvögeln ihre Beute ab oder sammeln zum Beispiel Regenwürmer vom Boden ab. Vom Schwarzmilan – stärker als vom Rotmilan – werden auch tote oder kranke Fische von der Wasseroberfläche aufgelesen. Letztlich hängt die Nahrungszusammensetzung stark von der umgebenden Landschaft und der jeweiligen Nahrungsverfügbarkeit ab. Weiterhin legen beide Arten zum Nahrungserwerb durchaus Strecken von mehreren Kilometern zurück. Insgesamt gelten beide Arten hinsichtlich der Nahrungsquellen als sehr vielseitig und passen sich spontan den örtlichen Gegebenheiten an. Auf beide Arten gleichermaßen wirken Wiesen und Äcker während und wenige Tage nach der Mahd bzw. Ernte eine besondere Anziehungskraft aus (Mebs und Schmidt 2014 S. 326 sowie S. 336).[1]

Auf den letztgenannten Flächen entsteht durch die Bewirtschaftung kurzfristig ein großes Nahrungsangebot für beide Arten, wodurch sich die im Zusammenhang mit Windenergievorhaben gewünschte lenkende Wirkung – weg von den Anlagenstandorten – ergibt. Aufgrund der Ähnlichkeit von Rotmilan und Schwarzmilan hinsichtlich der Nahrungsquellen und des Nahrungserwerbs ist davon auszugehen, dass Rotmilane und Schwarzmilane auf Lenkungsflächen jeweils um die gleiche Nahrung konkurrieren dürften. Für eine hinreichende Lenkungswirkung – durch die mit der Maßnahme verfügbar gemachte Nahrungsmenge und damit hinsichtlich der Dauer der Wirksamkeit – dürfte daher nach unserer Einschätzung grundsätzlich keine „Anrechnung“ ein und derselben Lenkungsfläche für mehrere betroffene Brutpaare möglich sein. Vielmehr müssten geeignete Lenkungsmaßnahmen in jeweils gleichem Umfang pro Brutpaar, sowohl für den Rot- als auch für den Schwarzmilan vorgesehen werden. Entsprechend wird auch in der AAB-WEA argumentiert (vgl. LUNG MV 2016, S. 69ff.).

[1] Zu letzterem Aspekt vgl. auch ein Positionspapier der Länderarbeitsgemeinschaft der Vogelschutzwarten, die aufgrund der starken Anlockwirkung von Landbewirtschaftungsmaßnahmen auf alle Greifvogelarten eigens Abschaltempfehlungen für Windenergieanlagen zur Vermeidung von Tötungen durch Kollisionen ausspricht (LAG VSW 2017).

Literaturverzeichnis

Gedeon, K., Grüneberg, C., Mitschke, A., Sudfeldt, C., Eikhorst, W., Fischer, S., Flade, M., Frick, S., Geiersberger, I., Koop, B., Kramer, M., Krüger, T., Roth, N., Ryslavy, T., Stübing, S., Sudmann, S.R., Steffens, R., Vökler, F., Witt, K. (2014): Atlas Deutscher Brutvogelarten. Atlas of German Breeding Birds. 1. Auflage. DDA, SVD (Hrsg.), Münster. 800 S.

LAG VSW – Länderarbeitsgemeinschaft der staatlichen Vogelschutzwarten in Deutschland (2017): Abschaltung von Windenergieanlagen (WEA) zum Schutz von Greifvögeln und Störchen bei bestimmten landwirtschaftlichen Arbeiten. Staatliche Vogelschutzwarte Schleswig-Holstein, Flintbek. 3 S. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 15.08.2018).

LUNG MV – Landesamt für Umwelt Naturschutz und Geologie Mecklenburg-Vorpommern (2016): Artenschutzrechtliche Arbeits- und Beurteilungshilfe für die Errichtung und den Betrieb von Windenergieanlagen. Teil Vögel. Schwerin. 78 S.

Mebs, T., Schmidt, D. (2014): Die Greifvögel Europas, Nordafrikas und Vorderasiens. Biologie, Kennzeichen, Bestände. Kosmos-Naturführer 2. Auflage. Franckh-Kosmos-Verlag, Stuttgart. 496 S.