Wie steht es um den Vogelbestand in Deutschland? - Kompetenzzentrum Naturschutz und Energiewende Wie steht es um den Vogelbestand in Deutschland? - Kompetenzzentrum Naturschutz und Energiewende

Berlin, 11. Februar 2021

Wie steht es um den Vogelbestand in Deutschland?

Erkenntnisse aus dem Bericht „Vögel in Deutschland – Übersichten zur Bestandssituation“ (2019)

Aufgrund internationaler Konventionen und Richtlinien sowie nationaler Gesetze ist Deutschland dazu verpflichtet, regelmäßig die Bestandssituation von Vogelarten zu erfassen. Damit sollen der Erhaltungszustand und die Gefährdungssituation ermittelt und Anforderungen an Schutzmaßnahmen formuliert werden. Das moderne Vogelmonitoring muss verschiedensten Anforderungen genügen: Neben fachlich-statistischen Aspekten stehen auch die Kontrolle der zum Schutz der biologischen Vielfalt formulierten Ziele im Vordergrund. Zudem werden die Daten für die Erfüllung von Berichtspflichten internationaler Naturschutzübereinkommen und -richtlinien genutzt, wie zum Beispiel für den Bericht zur Umsetzung der Europäischen Vogelschutzrichtlinie. Dieser wurde das letzte Mal im Oktober 2019 von der Bundesregierung bei der EU-Kommission eingereicht und war Anlass für die Aktualisierung von Bestandsgrößen und -trends aller in Deutschland vorkommenden Vogelarten. Der daraus entstandene Bericht „Vögel in Deutschland – Übersichten zur Bestandssituation“ (Gerlach et al. 2019) fasst den Wissensstand über die Vogelwelt Deutschlands zusammen. Datenstand des Berichts ist das Jahr 2016, so dass Bestandserfassungen nach dem Jahr 2016 dementsprechend nicht berücksichtigt sind. Die nächste Aktualisierung der Bestandssituation wird 2025 erfolgen.

Zusammengestellt wurden die verwendeten Daten vom Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA) in Zusammenarbeit mit der Länderarbeitsgemeinschaft der Vogelschutzwarten (LAG VSW) und dem Bundesamt für Naturschutz (BfN), gezählt wurden die Vögel überwiegend von Ehrenamtlichen. Tausende Vogelbeobachterinnen und Vogelbeobachter beteiligten sich an den bundesweiten Monitoringprogrammen oder gaben ihre Gelegenheitsbeobachtungen in die Online-Plattform ornitho.de ein. So konnten für alle brütenden, überwinternden und durchziehenden Vogelarten Deutschlands Bestandsgrößen und -trends beschrieben werden. Diese Daten sind nicht nur Grundlage für die nächste Rote Liste der Brutvögel Deutschlands, sondern auch für die Bewertung von wesentlichen Instrumenten des Vogelschutzes und deren Wirkungen, beispielsweise Artenhilfsprogrammen, Gebietsschutz oder Agrarumweltmaßnahmen. Außerdem können die wichtigsten Einflussfaktoren in ihrer Wirkung eingeschätzt werden, dazu gehören Land- und Forstwirtschaft, Freizeitaktivitäten und die Entwicklung von Siedlungen und Verkehrswegen.

Bestandsentwicklung zahlreicher Vogelarten in Deutschland kritisch

Aus dem Bericht geht hervor, dass Deutschland mit mehr als 300 nachgewiesenen Brutvogelarten zu den artenreichsten Ländern Mitteleuropas gehört. Der Nordosten Deutschlands erweist sich dabei aufgrund vielfältigerer Landschaftsstrukturen, geringerer Landnutzungsintensität und niedrigerer menschlicher Siedlungsdichte im Vergleich zum Rest des Landes als ein besonderer Biodiversitätshotspot. Zudem wird aufgezeigt, dass in Deutschland jährlich zwischen 74 und 100 Millionen Vogelpaare brüten, summiert über alle Arten. Der Gesamtbestand aller Vögel bewegt sich damit in derselben Größenordnung wie um das Jahr 2010. Allerdings wird der größte Teil von wenigen Arten gestellt: Die Bestände der häufigsten zehn Arten summieren sich bereits zu etwa 51,5 Millionen Brutpaaren. Die häufigsten 18 Arten stellen über drei Viertel aller Vogelpaare dar. Bundesweit mit Abstand am häufigsten brüten Amsel und Buchfink mit im Mittel jeweils mehr als 8 Millionen Paaren, gefolgt von Kohlmeise und Mönchsgrasmücke.

Im Zeitraum von 2004 bis 2016 nahmen die Bestände etwa eines Drittels der Brutvogelarten ab, die restlichen Arten zeigten stabile oder zunehmende Populationen. Hochrechnungen des 24-Jahres-Trends von 1992 bis 2016 zeigen allerdings, dass Deutschland in diesem Zeitraum etwa 14 Millionen Brutvogelindividuen verloren hat, vor allem im Offenland und im Siedlungsbereich in der ersten Hälfte des Zeitraums. Besonders alarmierend ist die Lage der Vogelbestände in der Agrarlandschaft. So nahmen die Bestände von Rebhuhn und Kiebitz über 24 Jahre (1992–2016) um fast 90 Prozent ab. Ähnlich dramatisch ist die Entwicklung bei den Feuchtwiesenarten Uferschnepfe und Bekassine sowie dem Braunkehlchen. Auch an den Küsten sind starke Abnahmen zu beobachten. Strandbrütende Arten wie Seeregenpfeifer und Brandseeschwalbe konnten ihre Bestände nicht stabilisieren, obwohl große Teile der Brutgebiete in Nationalparks liegen.

Doch es gehen auch erfreuliche Erkenntnisse aus dem Bericht hervor: Für den Lebensraum „Wald“ zeichnet sich deutschlandweit seit etwa 2010 eine deutliche Erholung der Bestände der Populationen vieler Arten ab, etwa 1,6 Millionen Brutpaare sind dort dazugekommen. Für den Lebensraum „Siedlung“ ist eine leichte Erholung, wahrscheinlich aufgrund der zunehmenden Begrünung der Städte, zu erkennen. Die positive Bestandsentwicklung einiger ehemals in Deutschland stark gefährdeter Brutvogelarten wie Kranich, Schwarzstorch oder Seeadler zeigt, dass aufgrund intensiver Schutzbemühungen auch Erfolge in der Fläche außerhalb von Schutzgebieten erreicht werden können. Auch der Bestand der Großtrappe in Deutschland wächst nach Jahrzehnten des Rückgangs. In den letzten zwei Jahrzehnten hat er sich vervierfacht, laut Bericht sind die inzwischen wieder über 230 Großtrappen zu fast 100 Prozent in EU-Vogelschutzgebieten konzentriert.

Insgesamt zeigen die Ergebnisse jedoch, dass sich die negativen Entwicklungen im Hinblick auf die Veränderungen der Vogelwelt weiter fortsetzen und eine umfassende Kehrtwende trotz einiger Erfolge im Vogelschutz weiterhin aussteht. Die Autorinnen und Autoren des Berichts weisen deshalb darauf hin, dass eine Verstärkung der naturschutzpolitischen Anstrengungen aus diesen Gründen dringend erforderlich ist.

Rebhuhn in Wiesenlandschaft
Alarmierend ist die Lage der Vogelbestände in der Agrarlandschaft. So nahmen die Bestände des Rebhuhns (und des Kiebitzes) über 24 Jahre (1992–2016) um fast 90 Prozent ab.