18.02.2026

Wenn Biodiversität zum Streitfall wird

Diana Hummel, Anna S. Brietzke, Michael Kreß-Ludwig, Deike U. Lüdtke, (2026): Streitfall Biodiversität – Konflikte verstehen und gestalten

Der Schutz der biologischen Vielfalt ist eine der zentralen Aufgaben unserer Zeit. Gleichzeitig ist Artenschutz ein wachsender gesellschaftlicher Konfliktherd. Der Beitrag „Streitfall Biodiversität“ zeigt, warum Naturschutz auch eine politische und soziale Aushandlungsfrage ist.

Die Biodiversität erhalten und schützen – das klingt nach einem gesellschaftlich breit akzeptierten Ziel. Doch in der Praxis zeigt sich, welche enormen Konfliktpotenziale dahinterstecken. Das wird etwa am Beispiel der Renaturierung von Fließgewässern deutlich.

Im 19. und 20. Jahrhundert wurden Flüsse und Bäche in Deutschland nahezu flächendeckend begradigt, ihre Ufer befestigt, die Vegetation entfernt und den sie durchwandernden Fischen die Wege verbaut. Viele Arten verloren ihren Lebensraum. Heute sollen Renaturierungsmaßnahmen die verlorene Natur wieder zurückbringen.

Das Ziel ist gesetzt, die Umsetzung zieht sich jedoch hin. Denn es zeigen sich deutliche Interessen- und Verteilungskonflikte zwischen der Stadt- und Regionalplanung, dem Forstsektor und der Landwirtschaft. Dabei geht es um negative ökonomische Auswirkungen, um Flächenkonkurrenz oder ungenügende Kompensationen für Schäden durch den Biber, aber auch um Mitbestimmung, Mitwirkung und Anerkennung.

Teilhabe kann Akzeptanz steigern

An diesem und einem weiteren Beispiel aus der Waldnutzung – wo etwa der Bau von Windenergieanlagen Konflikte zwischen Klima- und Naturschutz sichtbar macht – skizzieren die Autorinnen und Autoren, welche Ursachen Konflikte im Artenschutz haben, wie sie entstehen und wie sie gelöst werden könnten. So wünschten sich die Landwirte, die von den Renaturierungsmaßnahmen betroffen waren, nicht nur finanziellen Ausgleich oder eine stärkere Beteiligung. Sie wollten auch ihr Wissen und ihre Expertise bei der Planung und Implementierung der Naturschutzmaßnahmen einbringen. Das zeigt eine Studie, in der 300 Landwirtinnen und Landwirte befragt wurden. Die Ergebnisse verdeutlichten auch: Partizipations- und Teilhabeformate können die Zufriedenheit und Akzeptanz steigern und damit die Kooperationsbereitschaft erhöhen.

Der Beitrag „Streitfall Biodiversität. Konflikte verstehen und gestalten“ macht deutlich, dass Biodiversitätsschutz immer mit sozialen, wirtschaftlichen und politischen Fragen verbunden ist. Er beschreibt, wie, die komplexen, mehrdimensionalen Konflikte mit einer Verknüpfung aus sozial-ökologischer Konfliktanalyse und mediationsgestützten Formaten bearbeiten werden können. Das Format des moderierten und durch eine Mediation begleiteten „Runden Tisches“ kann etwa Bedürfnisse, Werte und Wissen der Akteure offenlegen. Das hilft, Vertrauen aufzubauen, in den Dialog zu gehen und gemeinsames Handeln zu ermöglichen.

Insgesamt, so beschreibt es der Beitrag, sollten betroffene Akteursgruppen frühzeitig beteiligt, Entscheidungen transparent gefällt und unterschiedliche Wissensformen – von wissenschaftlicher Expertise bis hin zu lokalem Erfahrungswissen – integriert werden. Die politische Ebene sollte die Anregungen und Erkenntnisse aus lokalen oder regionalen Gremien ernst nehmen und in ihre Entscheidungsfindung einbeziehen. So werden Konflikte nicht als Störfaktor verstanden, sondern als notwendiger Bestandteil von gesellschaftlicher Transformation.

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Quelle: Diana Hummel, Anna S. Brietzke, Michael Kreß-Ludwig, Deike U. Lüdtke, (2026) Streitfall Biodiversität – Konflikte verstehen und gestalten, Aus Politik und Zeitgeschich-te/bpb.de