Steinschmätzer, Schafe und Erneuerbare

Das KNE zu Besuch in einem der größten deutschen Solarparks

Das KNE hat den Solarpark Weesow-Willmersdorf, rund 25 Kilometer östlich von Berlin besucht. Im Gespräch mit den Anlagenbetreibern, einem Schäfer, einem Gemeindevertreter und weiteren Akteuren informierte sich das Team über das Artenschutz- und Pflegekonzept dieses Solarparks.

Zuerst fällt der Vogelgesang auf: Über dem Solarpark Weesow-Willmersdorf, nördlich der Stadt Werneuchen im Landkreis Barnim, fliegen und zwitschern die Feldlerchen. Immer wieder flattern einige der Vögel hier und da auf den Boden, wo sie mit ihrem braunen Gefieder gut getarnt und kaum zu sehen sind, um dann wieder in die Höhe zu steigen und zu singen. Ein Turmfalke nutzt den Zaun als Sitzwarte. Eine weitere Auffälligkeit ist die schiere Dimension der Anlage. In der weiten brandenburgischen Landschaft erstrecken sich die Solarmodule fast bis zum Horizont.

Strom für 50.000 Haushalte

Vor den Toren der Anlage, die vom Energieunternehmen EnBW betrieben wird, steht ein kleines Grüppchen Menschen in der Aprilsonne: Fabian Hubberten, Mitarbeiter für Artenschutz bei EnBW, begrüßt gemeinsam mit dem Anlagenverantwortlichen Chris Banaskiewicz ein Team aus dem KNE. Es ist hier vor Ort, um die Anlage zu besichtigen, mit einigen der beteiligten Akteure zu sprechen und sich darüber zu informieren, wie der Arten- und Naturschutz mitgedacht und umgesetzt wird. Nach einer kurzen Sicherheitseinweisung öffnen sich die Tore. Die Gruppe, zu der nun auch ein Schäfer, ein Umweltgutachter und ein Gemeindevertreter gehören, macht sich auf den Weg in den Solarpark.

Der Solarpark umfasst eine Fläche von mehr als 200 Hektar, von denen 164 Hektar bebaut sind, und gehört damit zu den größten Anlagen in Deutschland.

„Hier wird Strom für 50.000 Haushalte produziert“, erzählt Chris Banaskiewicz und erklärt auf dem Weg durch den Park noch weitere wichtige Eckdaten: Der Solarpark umfasst eine Fläche von mehr als 200 Hektar, von denen 164 Hektar bebaut sind, und gehört damit zu den größten Anlagen in Deutschland. Seit 2009 wurde das Gebiet entwickelt, der Großteil der Anlage entstand 2020.

„Bevor der Park gebaut wurde, waren hier Raps- und Getreidefelder“, erklärt Umweltgutachter Matthias Stoefer. Er betreut innerhalb der Anlage zwei Monitoringflächen mit einer Größe von jeweils etwa 50 Hektar und hat die Flächen auch vor dem Bau begutachtet. Alle zwei Jahre untersucht er mit seinem Team vom Unternehmen K&S Umweltgutachten, welche Vögel dort leben und welche Pflanzen zwischen und unter den Modulen wachsen.

Vor dem Bau des Solarparks beobachtete er auf seinen beiden Monitoringflächen 23 und 12 Feldlerchenreviere. Drei Jahre nach Inbetriebnahme, so Stoefer, hatte sich die Anzahl der Reviere auf 72 und 66 erhöht und fiel im Jahr 2025 etwas ab, auf dann 55 und 62 Reviere.

Das sind Bedingungen, die nicht einfach auf andere Anlagen übertragbar sind, aber von denen die Feldlerche profitiert.

Generell gibt es in der Gegend einen hohen Feldlerchenbestand. In der Anlage werden die Vögel im Vergleich zu einer intensiv landwirtschaftlich genutzten Fläche weniger gestört. Das könnte die Attraktivität der Fläche erhöhen. Auch die vielen offenen Bodenstellen, die durch die Schafbeweidung entstehen, könnten für die Feldlerche vorteilhaft sein. Zudem ist die Vegetation vergleichsweise kurz. Das sind Bedingungen, die nicht einfach auf andere Anlagen übertragbar sind, aber von denen die Feldlerche profitiert.
Auch Stoefer betont, dass der Bestand der Vögel überproportional hoch sei. Warum es ausgerechnet im Solarpark so hohe Bestände gibt, dazu hat der Biologe eine Vermutung: „Es muss an der Vegetationsstruktur liegen.“

Schafe halten die Vegetation kurz

Von April bis September halten Schafe den Bewuchs in der Anlage kurz. Schäfer Dirk Marx kümmert sich um die rund 650 Tiere, die hier weiden. Zwischen den Modulreihen tauchen immer wieder Mutterschafe mit Lämmern auf, die rasch unter den Modulen Schutz suchen, wenn man sich nähert. Die Betreuung der Tiere ist herausfordernd: Besonders in trockenen Sommern benötigt die Herde zusätzliche Flächen, auf denen genügend nahrhafte Pflanzen wachsen, denn dann liefert der Solarpark nicht ausreichend Futter. Bis zu 10.000 Liter Wasser verbraucht die Herde an heißen Tagen. Das muss der Schäfer mit dem Traktor heranfahren. An den niedrigen Modulunterkanten und -ecken haben die Tiere außerdem eine gewisse Verletzungsgefahr. Mit Schutzkappen könnte dieses Problem gelöst werden.

Modulreihe um Modulreihe geht es weiter durch den Park, der tatsächlich eine gigantische Stromerzeugungsanlage ist. Hin und wieder wird es etwas lauter, wenn die Gruppe die Wechselrichteranlagen passiert und das Gebläse zu hören ist. Steht man direkt zwischen den Reihen, fällt der Blick auf Metallkonstruktionen und Solarmodule, die bis über die Köpfe reichen. Kleine Abstände zwischen den einzelnen Modulplatten lassen einen Teil des Lichts und des Niederschlags hindurchfallen.

Steinschmätzer brütet erfolgreich

Doch trotz aller Technik ist der Park auch ein Lebensraum. „Neben der Feldlerche brüten hier auch Bachstelzen“, weiß Umweltgutachter Matthias Stoefer. Quer durch den Park verläuft eine unterirdische Gastrasse, die nicht mit Modulen überbaut werden konnte. Diese Freifläche ist auch für andere Bodenbrüter wie etwa die Grauammer vorteilhaft. Hin und wieder sind in und um die Anlage herum große Lesesteinhaufen als Zusatzhabitate errichtet worden. Diese Biotope nutzt eine Vogelart, die extrem selten und in Deutschland vom Aussterben bedroht ist, erfolgreich zum Brüten. „Nahezu jeder Lesesteinhaufen ist von einem Steinschmätzerpärchen belegt“, erklärt Stoefer. „Das ist schon etwas Besonderes.“

Gut 18.000 heimische Gehölze und Sträucher und 65 Bäume wurden als Ausgleichmaßnahme gepflanzt und zwölf Trittsteinbiotope und Freiflächen angelegt.

Fabian Hubberten ergänzt, dass rund um den Park, in dem auch extra ein Radweg angelegt wurde, gut 18.000 heimische Gehölze und Sträucher und 65 Bäume im Frühjahr 2022 als Ausgleichmaßnahme gepflanzt und zwölf Trittsteinbiotope und Freiflächen angelegt wurden. Neben den Lesesteinhaufen entstanden etwa auch Totholzhaufen, die Insekten und anderen Organismen Lebensraum bieten.

Nach etwa einem Kilometer hat die Gruppe die Anlage einmal durchquert und ist am anderen Ende angekommen. Direkt hinter dem Zaun beginnt das Weesower Luch, ein knapp 60 Hektar großes Naturschutzgebiet. Der Solarpark hat auf dieses Gebiet einen überraschenden positiven Einfluss: Er sorgt dafür, dass es keine Nährstoffeinträge ins Luch mehr gibt, die jahrzehntelang durch intensive landwirtschaftliche Nutzung ein großes Problem waren. Der Solarpark wird nicht gedüngt und nicht mit Pestiziden behandelt und bildet nun einen Puffer. Das entlastet auch die angrenzenden Flächen.

Am südlichen Ende des Parks fällt der Blick nicht nur auf das Weesower Luch, sondern auch auf einige Bienenstöcke, die hier am Rand innerhalb der Anlage stehen. Für den Imker ist der Standort geeignet: Seine Bienen sind hier besonders gut vor Diebstahl geschützt und weitgehend ungestört. Sie finden im Gebiet ausreichend Nahrung, suchen dafür aber nicht die beweideten und eher unattraktiven Flächen innerhalb der Anlage auf. Stattdessen fliegen sie in die Umgebung und ins Weesower Luch und sammeln den Nektar auf den Wiesen und in blühenden Gehölzen.

Gewerbeeinnahmen entlasten Stadthaushalt

Sebastian Gellert hat als Gemeindevertreter der Stadt Werneuchen den Bau des Parks genau verfolgt. Er erklärt, dass die angrenzenden Flächen als Ausgleich zum Bau der Anlage aufgewertet wurden, zugänglich geblieben sind und mit Streuobst und Gehölzpflanzungen attraktiv gestaltet wurden. Das trug dazu bei, dass der Solarpark vor Ort gut akzeptiert wurde. Heute würden etwa die Wiesen zum Drachensteigen, Spaziere

n, Radfahren oder Herumtoben genutzt. Und auch ein handfester finanzieller Vorteil ergibt sich durch die Gewerbesteuereinnahmen der Anlage: Im Jahr 2023 konnte die Stadt Werneuchen mit diesem Geld eine Wassergeldhilfe finanzieren und damit die Wassergebühren für die Bevölkerung senken.

Auf dem Rückweg gibt es dann noch eine kleine Überraschung: Die Gruppe bekommt ihn tatsächlich zu sehen, den seltenen Steinschmätzer. Er sitzt ruhig auf einem Zaunpfahl, direkt neben dem Steinhaufen, in dem sein Brutplatz ist. Matthias Stoefer ist trotzt dieses besonderen Anblicks kaum erstaunt. Er kennt den Vogel schon: „Der sitzt immer hier“, sagt er und lacht.

Das KNE auf Tour
Das KNE besucht regelmäßig Projekte der naturverträglichen Energiewende vor Ort, um sich mit den beteiligten Akteuren über Herausforderungen und Lösungsmöglichkeiten zu informieren und auszutauschen. Gespräche mit Vertreterinnen und Vertretern von Naturschutzorganisationen und der Energiebranche, mit Kommunen und Behörden, der Regionalplanung, Gutachterinnen und Gutachtern sowie Bürgervertreterinnen und -vertretern sind ein wichtiger Bestandteil der Treffen. Dabei wird deutlich: Was treibt die Menschen um? Was heißt naturverträgliche Energiewende in der Praxis? Welche Komplikationen gibt es vor Ort? Was klappt gut? Wie sind die jeweiligen konkreten Ansichten? Und wie läuft die Zusammenarbeit?