Ein naturverträglicher Solarpark ist immer ein Gemeinschaftswerk
Wie entsteht ein artenreicher Solarpark? Diese Frage untersuchten Mitarbeitende des KNE im Forschungs- und Entwicklungsvorhaben „Solarenergie und Naturschutz: Mehr Biodiversität in Solarparks umsetzen“, kurz SuN-divers. Im Interview erklären die Projekt- und Teamleiterin Dr. Julia Wiehe und die Dialoggestalterin Simone Zeil, welche Weichen Kommunen für die naturverträgliche Energiewende stellen können und was die neue digitale Wissensplattform „Natur im Solarpark“ bietet.
Ein Solarpark ist in erster Linie eine technische Anlage mit Fundamenten, Zäunen, Zufahrtswegen und Modulen auf Metallgestellen. Gut geplant und gepflegt kann er aber auch ein Lebensraum sein, der sogar dem Artenverlust entgegenwirkt. Wie passt das zusammen?
Dr. Julia Wiehe: Wir haben einen enormen Verlust an Artenvielfalt. Einmal durch den Verlust von Lebensräumen und auch durch ihre hohe Belastung – etwa mit Dünge- und Pflanzenschutzmitteln, die in der intensiven Landwirtschaft eingesetzt werden. Solarparks sind teilweise sehr großflächige Vorhaben, in denen die Fläche aber nicht versiegelt wird und damit nicht vollständig für die Natur verloren geht. Es wer den auch keine Dünge- und Pflanzenschutzmittel eingesetzt. Das kann sogar – je nach Standort und Nutzung der Fläche – zu mehr Artenvielfalt als vorher führen.
Welche Pflanzen und Tiere könnten sich im Solarpark denn ansiedeln?
Dr. Julia Wiehe: Besonders wichtig sind Bereiche, die nicht durch Module überbaut sind. Für den Naturschutz sind genau diese besonnten Flächen besonders spannend, auf denen sich artenreiches Grünland entwickeln kann. Diese Vegetation kann Lebensraum für Insekten, Amphibien und Reptilien sein. Auch Bodenbrüter können sich ansiedeln. Wenn um den Park herum eine Hecke angelegt wird, können sich dort auch Vögel niederlassen, die in Gehölzen brüten. Welche Arten einwandern, hängt auch immer ein wenig davon ab, welche Lebensräume und Arten in der näheren Umgebung zu finden sind.
Gibt es gute Beispielparks?
Dr. Julia Wiehe: Ja, die gibt es. Einige davon konnten wir in unserem Projekt SuN-divers auch besuchen. Besonders eindrücklich war ein Park mit einem Feuchtbiotop direkt unter den Modulen. Es gab dort eine rei che Wasservegetation und Amphibien. Besonders schön sind auch be weidete Parks, in denen man die Weidetiere beobachten kann. Das ist für Erholungssuchende ansprechend und auch für die Pflege eines artenreichen Grünlands wichtig.
Im Projekt SuN-divers hatten Sie, Frau Zeil, den Dialog mit den zahlreichen unterschiedlichen Akteuren im Blick, die an biodiversitätsfördernden Solarparks beteiligt sind. Um was ging es konkret?
Simone Zeil: Wir wollten herausfinden, mit welchen Herausforderungen und welchen Realitäten kommunale Entscheidungsträgerinnen und Ent scheidungsträger konfrontiert sind, und verstehen, wie Planung und Genehmigung in der Praxis stattfinden. Es ging auch darum, die Informationen aus der Fachwelt so aufzubereiten, dass sie den Menschen vor Ort dabei helfen, Solarparks naturverträglicher zu planen und zu gestalten. Uns war es wichtig, Vernetzung und Austausch zwischen den verschiedenen beteiligten Akteuren zu schaffen und verschiedene Perspektiven kennenzulernen und zu verstehen.
Dr. Julia Wiehe: Ich kann noch ergänzen, dass wir das immer noch bestehende Wissensdefizit rund um die Frage, ob Solarparks als Lebens raum geeignet sind, auflösen wollten. Dazu haben wir beispielsweise ein Fachgutachten beauftragt, das den Stand der Forschung zu besonders und streng geschützten Arten des Offenlandes aufbereitet und für die Praxis nutzbar macht. Es ging in unserem Projekt auch darum, das vor handene Wissen dorthin zu tragen, wo es benötigt wird.
Welche Akteure sind denn an naturverträglichen Solarparks beteiligt?
Dr. Julia Wiehe: Ein guter, naturverträglicher Solarpark ist immer ein Gemeinschaftswerk, in das sich viele engagierte Personen einbringen. Es gibt einen engen Kontakt zwischen Verwaltung und Projektierern und viel Kommunikation mit den Behörden und dem Naturschutz vor Ort. Bürgerinnen und Bürger müssen frühzeitig mitgenommen werden, damit es keine Missverständnisse oder Unklarheiten gibt. Auch in der Bauphase und während des Betriebs, der ja 20 bis 30 Jahre lang dauert, arbeiten viele Menschen eng zusammen. Für die langfristige, naturverträgliche Pflege braucht man ein Konzept, das gemeinsam erarbeitet werden muss, und natürlich auch Fachkräfte, die es umsetzen.
Für die langfristige, naturverträgliche Pflege braucht man ein Konzept, das gemeinsam erarbeitet werden muss, und natürlich auch Fachkräfte, die es umsetzen.
Wie gelingt es, all diese unterschiedlichen Akteure an einen Tisch zu holen und ihre Zusammenarbeit zu fördern?
Simone Zeil: Die Zusammenarbeit der Akteure ist im Bebauungsplan verfahren gesetzlich angelegt, das eine Beteiligung der Öffentlichkeit vorsieht. Wichtig ist dabei immer das „Wie“: Wenn Projektierer frühzeitig mit Kommunen und lokalen Naturschutzverbänden in Kontakt treten, ihr Projekt transparent den Gemeindevertretern und Bürgerinnen und Bürgern vorstellen, entsteht Vertrauen. Das kann dazu führen, dass man besser zusammenarbeitet. Auch das Interesse der Projektierer für den Standort und den Naturraum, aber auch für die Menschen vor Ort, ist ein wichtiger Baustein. Wir brauchen auch Möglichkeiten zum informellen Austausch, zum Perspektivwechsel und Formate, die alle Beteiligten ansprechen. Kommt es zu Konflikten, bietet der Mediationspool des KNE Hilfe und Beratung.
Kommunen haben bei Solarparkvorhaben große Einflussmöglichkeiten. Wie können sie für mehr Natur im Solarpark sorgen?
Dr. Julia Wiehe: Kommunen haben bei Solarparks die Planungshoheit, sie sind also die Hauptverantwortlichen für die Planung. Wir empfehlen ihnen, sich sehr frühzeitig damit zu befassen und noch vor konkreten Anfragen ein Standortkonzept zu erstellen. Wo soll überhaupt Solarenergie angesiedelt werden? Welche Vorgaben wollen wir als Kommune in einem Grundsatzbeschluss dafür festlegen? Das kann die Größe oder die Anzahl von Anlagen betreffen oder auch bestimmte Standorte, die bevorzugt oder ausgelassen werden sollen. Im gesamten Verfahren kann die Kommune darauf hinwirken, dass der Naturschutz berücksichtigt wird und auch Maßnahmen für den Ausgleich des Eingriffs festgelegt werden. Dazu gehört auch die Kontrolle nach dem Bau, ob alle vereinbarten Maßnahmen umgesetzt und ob die Verträge eingehalten wurden.
Im gesamten Verfahren kann die Kommune darauf hinwirken, dass der Naturschutz berücksichtigt wird und auch Maßnahmen für den Ausgleich des Eingriffs festgelegt werden.
Dabei gibt es sicherlich einige Hürden. Welche sind das, und wie können sie überwunden werden?
Simone Zeil: Es gibt immer wieder Unsicherheiten, welche Forderungen man als Kommune überhaupt stellen kann, oder wo es vielleicht auch zu Streit innerhalb der Kommune kommen kann. Etwa, weil Nutzungs- und Interessenskonflikte durch Solarparkvorhaben entstehen. Es gibt auch häufig Bedenken, dass es sich Investoren anders überlegen und zur Nachbargemeinde gehen. Viele Gemeindemitglieder arbeiten ehrenamtlich und müssen sehr komplexe Aufgaben bewältigen und eine Vielzahl von wichtigen Entscheidungen treffen. Oft fehlen Ressourcen und Zeit, sich die notwendige Fachkompetenz für Entscheidungen einzuholen.
Für genau diese Herausforderungen gibt es nun die digitale Wissensplattform „Natur im Solarpark“. Wie kann man sie nutzen?
Dr. Julia Wiehe: Die Wissensplattform stellt den gesamten Prozess von der Planung bis zum Betrieb der Anlage dar. Wenn man die Seite aufruft, hat man schon den ersten wichtigen Schritt getan: Man befasst sich mit dem Thema und ist sich bewusst, dass in dem geplanten Solarpark mehr möglich ist als nur das Aufstellen von Modulen. Das ist schon einmal großartig. Von der Eingangsseite, auf der eine Grafik kurz wichtige Naturschutzmaßnahmen vorstellt, gelange ich zu den einzelnen Planungsschritten und erfahre, welche Funktion sie haben, warum sie wichtig sind, und wer daran beteiligt ist. Davon ausgehend stellen wir passende Instrumente für mehr Naturschutz im Solarpark vor. Ich kann also immer sehen, zu welchem Planungsschritt welches Instrument passt, das ich als kommunaler Akteur nutzen kann. Unterseiten liefern noch weitere, vertiefende Informationen und verknüpfen zu Fachinformationen auf den Seiten des KNE.
Zum Abschluss möchte ich mit Ihnen einen Blick zurück auf das Projekt SuN-divers werfen: Was nehmen Sie daraus mit?
Simone Zeil: Trotz all dieser Herausforderungen sind großartige Parks entstanden, die wir uns angeschaut haben. Jeder hatte seine Besonderheiten, die sich aus dem Standort ergeben. Dass sie entstanden sind, ist sehr engagierten und motivierten Menschen zu verdanken. Sie haben diese Parks ermöglicht und sie gestalten und pflegen sie. Diese Men schen gibt es überall. Wir arbeiten weiter daran, sie zu vernetzen und unterstützen sie mit Fachwissen.
Vielen Dank für das Interview.