Höhe der Rotorunterkante und darauf basierende Signifikanzbewertungen für den Rotmilan

Frage

Kann man davon ausgehen, dass für den Rotmilan kein signifikant erhöhtes Tötungsrisiko vorliegt, wenn die Rotorunterkante einen gewissen Abstand vom Boden aufweist, zum Beispiel 80 Meter oder mehr?

Vollständige Antwort

Die Auswertung von Studien, in denen die Flughöhen von Rotmilanen untersucht wurden, ergibt, dass hohe Anteile der Flüge brütender Rotmilane in Höhen unterhalb von 80 bis 100 Metern (und mehr) liegen (KNE 2026, S. 6 f.).

Die Auswertung zeigt auch, dass mit steigender Rotorunterkante und gleichbleibendem oder nur geringfügig größerem Rotordurchmesser das durchschnittliche Kollisionsrisiko für den Rotmilan sinkt, weil weniger Flüge im kritischen Rotorbereich stattfinden. Damit kann die Höhe der Rotorunterkante zumindest prinzipiell als Parameter für eine regelhafte Signifikanzbewertung geeignet sein, bzw. eine Anhebung der Rotorunterkante als Schutzmaßnahme dienen (ebd., S. 10).

Eine entsprechende Regel hatte das Bundesland Hessen in seiner Verwaltungsvorschrift „Naturschutz/Windenergie“ (HMUKLV und HMWEVW 2020) eingeführt. Für WEA in bestimmten Konstellationen waren keine Abschaltmaßnahmen anzuordnen, wenn die Rotorunterkante mindestens 80 Meter betrug und entsprechende Habitatgestaltungsmaßnahmen umgesetzt wurden (ebd., S. 25). Damit konnte in diesen Fällen das Kollisionsrisiko für den Rotmilan (und Schwarzmilan) hinreichend gemindert werden. Seit dem Inkrafttreten von § 6 WindBG (als Umsetzung der EU-Notfallverordnung) und dem Erlass zu „Neuregelungen zur Beschleunigung des Windenergieausbaus“ (HMUKLV und HMWEVW 2023) wird diese Regel jedoch nicht mehr angewendet.[1]

Im Zuge der Erarbeitung des sogenannten „Raumnutzungs-Kollisionsrisikomodells“ (kurz: „RKR-Modell“), mit dem sich das Kollisionsrisiko für den Rotmilan standort- und anlagenbezogenen quantifizieren lässt, wurde deutlich, dass die Rotorunterkante aufgrund der Flughöhenverteilung zwar einen wesentlichen Einfluss auf die Höhe des Kollisionsrisikos hat. Im Hinblick auf das standort- und anlagenspezifische Kollisionsrisiko spielen aber deutlich mehr Parameter eine Rolle. In das Modellierungskonzept des RKR-Modells gingen daher zusätzlich der Abstand vom Brutplatz, die Habitatpräferenzen, Fluggeschwindigkeiten und die Tagesphänologie sowie auch das hohe Ausweichvermögen von Rotmilanen an WEA ein (detailliert siehe Mercker et al. 2023 und 2024 sowie konkret zum Ausweichverhalten Mercker et al. 2026).

Sich bei der Bewertung der Signifikanz vor dem Hintergrund der Flughöhenverteilung allein auf die Höhe der Rotorunterkante zu beziehen, blendet diese weiteren das Kollisionsrisiko wesentlich beeinflussenden Parameter aus (vgl. KNE 2026, S. 10). Daher kann ein solcher, stark vereinfachter Ansatz bei der Bewertung des Kollisionsrisikos bzw. der Signifikanz allenfalls hilfsweise dienen.

Im Rahmen einer unter Anwendung des RKR-Modells durchgeführten sogenannten „probabilistischen Analyse“ lässt sich das Kollisionsrisiko wesentlich genauer bestimmen. Für die Bewertung der Signifikanz ist darüber hinaus ein artspezifischer Schwellenwert erforderlich. Ein solcher soll zunächst für den Rotmilan festgelegt werden.


[1] Weiterhin Anwendung finden jedoch Abschaltungen unterhalb bestimmter Windgeschwindigkeiten, deren Wert von der Höhe der Rotorunterkante abhängt.

Quellen

HMUKLV – Hessisches Ministerium für Umwelt Klimaschutz Landwirtschaft und Verbraucherschutz; HMWEVW – Hessisches Ministerium für Wirtschaft Energie Verkehr und Wohnen (2023): Gemeinsamer Erlass – Neuregelungen zur Beschleunigung des Windenergieausbaus (u.a. Oster- und Sommerpaket, EU-NotfallVO). Wiesbaden. 43 S. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 27.05.2026).

HMUKLV – Hessisches Ministerium für Umwelt Klimaschutz Landwirtschaft und Verbraucherschutz; HMWEVW – Hessisches Ministerium für Wirtschaft Energie Verkehr und Wohnen (2020): Verwaltungsvorschrift (VwV) „Naturschutz/Windenergie“. Staatsanzeiger für das Land Hessen. Wiesbaden. S. 13–51. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 27.05.2026).

KNE − Kompetenzzentrum Naturschutz und Energiewende (2026): Empirische Erkenntnisse zur Flughöhenverteilung des Rotmilans – Einordnung im Hinblick auf Kollisionsrisiken. 23 S. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 27.05.2026).

KNE − Kompetenzzentrum Naturschutz und Energiewende (2024): Anfrage Nr. 364 zur Funktion und Einsatz von Laser Range Findern. Aktualisierte Antwort vom 16. September 2024. 3 S. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 27.05.2026).

Mercker, M., Liedtke, J., Liesenjohann, T., Blew, J. (2023): Pilotstudie „Erprobung Probabilistik“. Erprobung probabilistischer Methoden hinsichtlich ihrer fachlichen Voraussetzungen mit dem Ziel der Validierung der Methode zur Ermittlung des vorhabenbezogenen Tötungsrisikos von kollisionsgefährdeten Brutvogelarten. Stand Mai 2023. BioConsult SH GmbH & Co KG, Bionum. 103 S. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 27.05.2026).

Mercker, M., Raab, R., Liesenjohann, T., Liedtke, J., Blew, J. (2024): Fortsetzungsstudie Probabilistik. Das „Raumnutzungs-Kollisionsrisikomodell“ („RKR-Modell“): Fachliche Ausgestaltung einer probabilistischen Berechnungsmethode zur Ermittlung des Kollisionsrisikos von Vögeln an Windenergieanlagen in Genehmigungsverfahren. Stand Juli 2024. 101 S. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 27.05.2026).

Mercker, M., Škrábal, J., Blew, J., Liesenjohann, T., Raab, M., Spakovszky, P., Kolbe, M., van Rijn, S., Pfeiffer, T., Lüning, C., Raab, Rainer, Raab, Rainhard (2026): Smart flying in challenging skies: How Red Kites adjust wind turbine micro- and meso-avoidance across weather and experience. Scientific Reports 16 (1). S. 1-11. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 27.05.2026).