Bestandsentwicklung kollisionsgefährdeter Brutvogelarten

Frage

Wie haben sich nach neuesten Erkenntnissen die Bestände der Brutvogelarten entwickelt, die an Windenergieanlagen als kollisionsgefährdet gelten? Welche Rolle spielen bestandsstützende Maßnahmen dabei?

Vollständige Antwort

Wie haben sich die Bestände der kollisionsgefährdeten Brutvogelarten entwickelt?

Der aktuelle Bericht „Vögel in Deutschland. Bestandssituation 2025“ (Gerlach et al. 2025) analysiert die Bestandsgrößen und Bestandstrends von Brut- und Rastvögeln in Deutschland.  Nachfolgende Angaben zu den 15 kollisionsgefährdeten Brutvogelarten gemäß Anlage 1 Bundesnaturschutzgesetz sind dieser Publikation entnommen (s. auch die Übersicht in  Tab. 1).

Der Seeadler (Haliaeetus albicilla) ist mit einem Bestand von bundesweit 1.100 Paaren die häufigste Adlerart in Deutschland, gefolgt vom Fischadler (Pandion haliaetus) mit 800 bis 850 Paaren. Die Bestände entwickeln sich für beide Arten positiv. Der Seeadler gehört sogar zu den 20 Vogelarten, deren Bestände im 24-Jahrestrend[1] prozentual am stärksten zugenommen haben (ebd., S. 14). Der Schreiadler (Clanga pomarina) ist mit 130 bis 140 Paaren deutlich seltener, jedoch entwickeln sich seine Bestände in den letzten Jahren ebenfalls positiv. Der Steinadler (Aquila chrysaetos) ist lediglich im Süden Deutschlands in der Alpenregion verbreitet und der Bestand umfasst stabil 44 bis 46 Paare.

Bei den bodenbrütenden Weihen ist die Kornweihe (Circus cyaneus) in Deutschland mit nur 5-10 Brutpaaren die seltenste Art. Für alle analysierten Zeiträume ist eine starke Abnahme der Bestände verzeichnet. Es handelt sich um die Vogelart, bei der die stärkste prozentuale Abnahme der Bestände im 24-Jahrestrend ermittelt wurde (ebd., S. 14). Die wenigen Kornweihen-Paare brüten fast ausschließlich in Vogelschutzgebieten auf den ostfriesischen Inseln im niedersächsischen Wattenmeer (ebd. S. 16). Für die Wiesenweihe (Circus pygargus) ist ein Bestand von 400 bis 550 Paaren in Deutschland angegeben. Der bundesweite Bestandstrend ist seit 1980 insgesamt positiv. Mit 6.500 bis 8.500 Paaren ist die Rohrweihe (Circus aeruginosus) die häufigste Weihenart in Deutschland. Die Bestände entwickeln sich in den letzten Jahren jedoch zunehmend negativ.

Der Rotmilan (Milvus milvus) ist mit einem Bestand von 14.500 bis 22.000 Paaren die häufigste der kollisionsgefährdeten Brutvogelarten in Deutschland. Er ist deutschlandweit verbreitet und zudem eine nationale Verantwortungsart, für deren Erhalt Deutschland international eine besonders hohe Verantwortlichkeit hat. Der Schwarzmilan (Milvus migrans) ist mit einem Bestand von 7.000 bis 10.500 Paaren zwar seltener als der Rotmilan, aber dennoch die dritthäufigste kollisionsgefährdete Brutvogelart. Die Bestandstrends sind für beide Milanarten positiv.

Der Wanderfalke (Falco peregrinus) kommt bundesweit mit 1.600 bis 1.800 Paaren vor. Der Bestandstrend ist für alle Erfassungszeiträume positiv. Deutlich häufiger als der Wanderfalke ist der Baumfalke (Falco subbuteo) mit bundesweit 5.000 bis 6.500 Brutpaaren. Die Bestände werden als „fluktuierend“ bewertet, es kann also kein eindeutiger Entwicklungstrend angegeben werden. Der Wespenbussard (Pernis apivorus) ist mit 4.200 bis 6.000 Paaren in Deutschland vertreten. Die Bestände sind stabil.

Mit 9.600 bis 10.600 Brutpaaren ist der Weißstorch (Ciconia ciconia) die zweithäufigste kollisionsgefährdete Brutvogelart in Deutschland. Seine Bestände entwickeln sich positiv.

Bei der Sumpfohreule (Asio flammeus) handelt es sich mit 40 bis 180 Revieren um eine seltene Brutvogelart in Deutschland und ihre Bestände werden als „fluktuierend“ angegeben. Mit 4.000 bis 6.000 Paaren ist der Uhu (Bubo bubo) eine deutlich häufigere Eulenart. Die Bestände entwickeln sich seit 1980 positiv.

Welche Rolle spielen bestandsstützende Maßnahmen dabei?

Nicht zuletzt haben intensive Schutzbemühungen entscheidend dazu beigetragen, dass sich die Bestände einiger kollisionsgefährdeter Arten in den letzten Jahren und Jahrzehnten positiv entwickeln (s. Tab. 1).  Insbesondere Großvogelarten – zu denen auch viele kollisionsgefährdete Arten zählen – haben von Artenhilfsprogrammen, der Ausweisung von Schutzgebieten, nachlassender Verfolgung sowie dem Verbot von Umweltgiften profitiert (Gerlach et al. 2025, S. 13).

Die Bestände der kollisionsgefährdeten Brutvogelarten Seeadler, Fischadler, Schreiadler, Rotmilan, Schwarzmilan, Wanderfalke, Uhu und Weißstorch entwickelten sich positiv (s. Tab. 1).

Die Bestände der Korn- und Rohrweihe, beides Arten der offenen Agrarlandschaft, nahmen hingegen ab (s. Tab. 1). Bei der Wiesenweihe erholten sich die Bestände aufgrund von umfangreichen Schutzmaßnahmen leicht. Über die Hälfte der Nester wird aktuell durch eine Einzäunung während der Brut- und Aufzuchtzeit geschützt, was entscheidend zum Bestandserhalt der Art beiträgt (ebd., S. 30).

Zum Bestandsschutz tragen Artenhilfsprogramme der Bundesländer bei (siehe Thomsen et al. 2025; KNE 2022). Im Rahmen des Nationalen Artenhilfsprogramms (nAHP) sollen zukünftig verstärkt bestandsstützende Maßnahmen für vom Ausbau der erneuerbaren Energien besonders betroffenen Arten umgesetzt werden (KNE 2025). Zwei Projekte für kollisionsgefährdete Vogelarten, den Schreiadler in Mecklenburg-Vorpommern (BfN, online) und die Rohrweihe in einem nordrhein-westfälischen Landkreis (BfN, online), sind bereits gestartet.

Um die Bestände der kollisionsgefährdeten Brutvogelarten zu stabilisieren, ist beim Ausbau der Windenergie weiterhin auf die Auswahl risikoarmer Standorte zu achten. Bei signifikant erhöhten Tötungsrisiken müssen wirksame Schutzmaßnahmen ergriffen werden.


[1] Umfasst den Zeitraum von 1998-2022; entspricht dem kurzfristigen Trend der Roten Liste.

Quellen

Gerlach, B., Dröschmeister, R., Langgemach, T., Borkenhagen, K., Busch, M., Hauswirth, M., Heinicke, T., Kamp, J., Karthäuser, J., König, C., Markones, N., Prior, N., Trautmann, S., Wahl, J., Sudfeldt, C. (2019): Vögel in Deutschland – Übersichten zur Bestandssituation. BfN – Bundesamt für Naturschutz, DDA – Dachverband deutscher Avifaunisten, LAG VSW – Länderarbeitsgemeinschaft der staatlichen Vogelschutzwarten in Deutschland (Hrsg.). Felsberg. 63 S. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 20.01.2026).

Gerlach, B., Dröschmeister, R., Langgemach, T., Berlin, K., Borkenhagen, K., Busch, M., Davids, S., Dierschke, V., Hauswirth, M., Heinicke, T., Kunz, F., König, C., Koffijberg, K., Lindner, K., Markones, N., Morkovin, A., Pertl, C., Trautmann, S., Wahl, J. et al. (2025): Vögel in Deutschland. Bestandssituation 2025. BfN – Bundesamt für Naturschutz, LAG VSW – Länderarbeitsgemeinschaft der Vogelschutzwarten, DDA – Dachverband deutscher Avifaunisten (Hrsg.). Münster. 92 S. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 20.01.2026).

KNE − Kompetenzzentrum Naturschutz und Energiewende (2022): Anfrage Nr. 181 Artenschutz- und Artenhilfsprogramme, -projekte und -konzepte für windenergiesensible Brutvogelarten. Aktualisierte Antwort vom 20. Januar 2022. 7 S. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 20.01.2026).

KNE − Kompetenzzentrum Naturschutz und Energiewende (2025): Anfrage Nr. 374 zur fachlichen und finanziellen Untersetzung des nationalen Artenhilfsprogramms. 5 S. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 20.01.2026).

Thomsen, K.-M., Bleyhl, B., Wulfert, K., Schulte, R., Hunke, P. (2025): Artenhilfsprogramme – Katalog von Maßnahmen zur Sicherstellung des Erhaltungszustandes ausgewählter windenergieanlagensensibler Vogelarten. BfN-Schriften 724. BfN – Bundesamt für Naturschutz (Hrsg.). 217 S. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 20.01.2026).