Frage
Ein Kriterium zur Steuerung von Abschaltungen von Windenergieanlagen zum Fledermausschutz ist die Windgeschwindigkeit. Gibt es fachliche Erkenntnisse dazu, ob die aktuellen Vorgaben bzw. Empfehlungen der Länder, bei welcher Windgeschwindigkeit abzuschalten ist, noch dem Stand der Technik entsprechen?
Vollständige Antwort
Die Windgeschwindigkeit auf Gondelhöhe ist neben der Temperatur und dem Niederschlagsgeschehen (vgl. dazu KNE 2023) der maßgebliche Witterungsparameter zur Steuerung nächtlicher Abschaltungen von Windenergieanlagen (WEA) zum Fledermausschutz. Wird eine bestimmte Windgeschwindigkeit („Anlaufwindgeschwindigkeit“ oder auch „Cut-in-Windgeschwindigkeit“ genannt) unterschritten und sind gleichzeitig die weiteren Abschaltparameter erfüllt, wird die WEA abgeschaltet. Der Rotor wird in den sogenannten „Trudelmodus“ versetzt.[1] Es ist nachgewiesen, dass dies das Risiko von Tötungen und Verletzungen von Fledermäusen deutlich reduziert (Brinkmann et al. 2011; Behr et al. 2015 sowie Behr et al. 2018).
In fast allen Leitfäden der Länder zu Artenschutz und Windenergie[2] finden sich daher mittlerweile pauschale Vorgaben und Empfehlungen für die Parameter, mit denen die nächtlichen Abschaltungen gesteuert werden (s. dazu detailliert KNE 2025). Daher spricht man auch von „pauschalen“ Abschaltungen zum Fledermausschutz. Dabei wird als Vorgabe für die Windgeschwindigkeit auf Gondelhöhe überwiegend < 6 m/s angegeben. Die „Cut-in-Windgeschwindigkeit“ der WEA liegt also bei 6 m/s. Der Wert ist an die Ergebnisse des RENEBAT-Forschungsvorhabens (Brinkmann et al. 2011) angelehnt, obwohl sich gegenüber den seinerzeit untersuchten Anlagen die Rotoren deutlich vergrößert haben und mit der Rotorgröße auch das Kollisionsrisiko steigt (Behr et al. 2015 sowie 2018). Zum Einfluss des unteren Rotordurchgangs auf das Kollisionsrisiko wird derzeit noch weiter erforscht. Er ist zumindest durchschnittlich im Vergleich zu den im RENEBAT-Vorhaben untersuchten Anlagen jedoch nur um wenige Meter gestiegen, wenn man die Angaben bei Brinkmann et al. (2011, S. 31 und der FA Wind und Solar (2025, S. 8) der letzten zehn Jahre zugrunde legt. An Binnenlandstandorten dürfte er tendenziell etwas stärker gestiegen sein, während er sich an küstennahen Standorten durch größere Rotoren auf gleich großen oder nur wenig höheren Türmen mitunter sogar verringert.
Nur wenige Länder haben landesspezifische Anpassungen bei den Vorgaben zur Cut-in-Windgeschwindigkeit vorgenommen (z. B. 6,5 m/s in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, bzw. bis zu 7 m/s im Saarland, in Sachsen von 5 bis 7 m/s). Darüber hinaus eröffnen die Leitfäden teilweise eine einzelfallbezogene Anpassung der Werte nach oben, beispielsweise bei bekannten oder nicht auszuschließenden Vorkommen besonders kollisionsempfindlicher Arten (KNE 2025).
Werden auf Grundlage der Vorgaben Abschaltungen angeordnet, wird jedoch davon ausgegangen, dass das artenschutzrechtliche Tötungs- und Verletzungsverbot für Fledermäuse nicht verletzt wird bzw. die in den Ländern geltenden Signifikanzschwellen eingehalten werden. Diese liegen gemäß der offiziellen Leitfäden aktuell in den meisten Bundesländern bei unter oder maximal zwei Schlagopfern pro WEA und Jahr, abgesehen von Thüringen (ITN 2015) mit einer Schwelle von weniger als einem Schlagopfer pro WEA und Jahr. Einige Länder geben in ihren Leitfäden keine konkrete Signifikanzschwelle für Fledermäuse an, wie zum Beispiel Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen.
Ob die Signifikanzschwellen tatsächlich eingehalten werden, kann über ein in der Regel zweijähriges Gondelmonitoring und die Berechnung über das Tool ProBat überprüft werden (Dietz et al. 2024, S. 57). Aus den Ergebnissen des Gondelmonitorings können dann standortspezifische Abschaltalgorithmen bzw. Cut-in-Windgeschwindigkeiten berechnet werden und die pauschalen Abschaltungen entsprechend angepasst werden. Ein solches Gondelmonitoring ist gemäß den meisten Länderleitfäden freiwillig.
Nach den Vollzugsempfehlungen des Bundes gilt dies auch bei Vorhaben, die im Anwendungsbereich von § 6 WindBG genehmigt werden, wenn von pauschalen „Worst-Case-Abschaltungen gemäß Länderleitfäden bzw. -regelungen“ abgewichen werden soll (BMWK und BMUV 2023, S. 13). Verpflichtend ist ein Gondelmonitoring nur, wenn Abschaltungen nicht auf Grundlage eines „Worst-Case-Szenarios angeordnet werden und hinsichtlich des der ausreichenden Minderung des Tötungsrisikos Unsicherheiten verbleiben“ (ebd., S. 13). Diese Formulierungen legen nahe, dass die Vorgaben der Länder für pauschale Abschaltungen zum Fledermausschutz jeweils bereits dem Niveau von „Worst-Case-Abschaltungen“ entsprechen.
In allen Fällen, in denen kein Gondelmonitoring erfolgt und die pauschalen Cut-in-Windgeschwindigkeiten nicht einzelfallspezifisch angepasst wurden, laufen die genehmigten WEA über die gesamte Betriebslaufzeit auf Grundlage der in den Leitfäden vorgegebenen Pauschalwerte. Von daher ist die Frage relevant, ob die Anlagen auf dieser Grundlage im Hinblick auf den Fledermausschutz einen konfliktfreien Betrieb der WEA ermöglichen.
Forschungsergebnisse zu pauschalen Abschaltparametern, insbesondere zur Windgeschwindigkeit
Um sich dieser Frage zu nähern, wurden im Kontext des vom Bundesamt für Naturschutz geförderten F+E-Vorhabens von Dietz et al. (2024) Berechnungen durchgeführt. Mit der Software ProBat 7.1 wurden dazu Datensätze von 100 WEA mit Gondelmonitoring zu Temperatur, Windgeschwindigkeit und Fledermausaktivität sowie zum Rotordurchmesser über alle sowie einzelne naturräumliche Regionen Deutschlands[3] ausgewertet.
Da das Schlagrisiko bei gleichem Aktivitätsniveau der Fledermäuse mit dem Rotordurchmesser ansteigt, berücksichtigt ProBat den Rotordurchmesser als eigenen Faktor bei der Berechnung von Cut-in-Windgeschwindigkeiten (Dietz et al. 2024, S. 67). So konnte für die Datensätze statistisch berechnet werden, welche pauschalen Cut-in-Windgeschwindigkeiten bei unterschiedlichen Rotordurchmessern von 60 bis 200 Metern erforderlich wären, um unterschiedliche Signifikanzsschwellen einhalten zu können. Die Berechnungen erfolgten unter der Prämisse, dass die Ergebnisse für jeweils 90 Prozent der Anlagen zutreffen.
Die Berechnungsergebnisse von Dietz et al. 2024 (S. 68 ff.) machen deutlich, dass im Bundesdurchschnitt eine Cut-in-Windgeschwindigkeit von 6 m/s bei modernen WEA mit 160 Metern Rotordurchmesser oder darüber nicht mehr hinreichend sein dürfte, um eine Signifikanzschwelle von < 2 Schlagopfern pro Anlage und Jahr einhalten zu können (siehe Abb. 1).
Abb. 1: Pauschale Cut-in-Windgeschwindigkeiten in Abhängigkeit der Rotordurchmesser und unterschiedlicher Signifikanzschwellen über alle Regionen Deutschlands. Ein Balkenblock bildet jeweils die Rotordurchmesser von 60 bis 200 m ab. Als rote Hilfslinien sind die bisher häufig festgelegte Cut-In-Windgeschwindigkeit von 6 m/s sowie zum Vergleich 7 m/s dargestellt (Behr et al. 2023, S. 35).[4]
Aufgeschlüsselt nach naturräumlichen Regionen ergibt sich aus den Berechnungen, dass an WEA-Standorten in den Regionen „Küste“ und „Nordwestdeutsches Tiefland“ sowie, bis 160 Meter Rotordurchmesser, überwiegend auch in der Region „Nordostdeutsches Tiefland“ mit den derzeit vorgegebenen pauschalen Cut-in-Windgeschwindigkeiten die in den betreffenden Ländern geltenden Signifikanzschwellen überwiegend einhalten lassen (s. Dietz et al. 2024, S. 70 sowie stellvertretend für die Region Küste Abb. 2).
Für Standorte in allen übrigen Regionen, insbesondere die mit Mittelgebirgen, ergaben die Berechnungen allerdings, dass sich bei WEA mit großen Rotordurchmessern ab 140 Metern – teilweise sogar mit deutlich kleineren Rotoren – mit einer pauschalen Cut-in-Windgeschwindigkeit von 6 m/s eine Signifikanzschwelle von < 2 Schlagopfern pro Anlage und Jahr nicht einhalten lassen dürfte. Am stärksten trifft dies bei WEA-Standorten im Bereich der Region „Südwestdeutsches Mittelgebirge“ zu (siehe Abb. 3 sowie bei Dietz et al. 2024, S. 70).
Abb. 2: Pauschale Cut-in-Windgeschwindigkeiten in Abhängigkeit der Rotordurchmesser und unterschiedlicher Signifikanzschwellen für die Region Küste (Behr et al. 2023, S. 36).
Abb. 3: Pauschale Cut-in-Windgeschwindigkeiten in Abhängigkeit der Rotordurchmesser und unterschiedlicher Signifikanzschwellen für die Region Südwestdeutsches Mittelgebirge (Behr et al. 2023, S. 37).
Zusammenfassung und Einordnung
Die aktuell in den Länderleitfäden empfohlenen Windgeschwindigkeiten für pauschale Abschaltungen zum Fledermausschutz von überwiegend < 6 m/s wurden in Anlehnung an das erste RENEBAT-Forschungsvorhaben festgelegt. Seitdem haben sich die durchschnittlichen Anlagendimensionen deutlich vergrößert, insbesondere der Rotordurchmesser. Berechnungen mit dem Online-Tool ProBat 7.1 legen nahe, dass bei einer bundesweiten Betrachtung eine Cut-in-Windgeschwindigkeit von 6 m/s bei heute üblichen WEA mit großen Rotordurchmessern nicht mehr ausreicht, um die Signifikanzschwellen der Länderleitfäden einzuhalten. Bei einer regionalisierten Betrachtung gilt dies offenbar insbesondere für Standorte in den Regionen mit Mittelgebirgen West-, Mittel- , Ost- und Süddeutschlands.
Die Ergebnisse legen nahe, dass etwaige Anpassungen pauschaler Abschaltwindgeschwindigkeiten aus fachlicher Sicht optimalerweise anhand von naturräumlichen Regionen erfolgen sollte und nicht an Ländergrenzen. Um einen effektiven Fledermausschutz zu gewährleisten sollten pauschale Abschaltparameter so gesetzt sein, dass die jeweiligen Signifikanzschwellen eingehalten werden. Sinnvoll wäre, wenn die Parameter einem für die Betreiber kalkulierbaren Worst-Case-Szenario entsprächen, das über ein Gondelmonitoring durch optimierte Abschaltalgorithmen in der Regel zu gegenüber den pauschalen Abschaltungen verringerten Ertragseinbußen führt.
Wenn die Pauschalwerte für die Cut-in-Windgeschwindigkeiten angepasst werden, wären dafür nach derzeitiger Rechtslage die die Länder zuständig. Sie müssten entscheiden, ob die oben angeführten Erkenntnisse geeignet sind, um ihre handlungsleitende Empfehlungen anzupassen. Diese Entscheidung würde vor dem Hintergrund der Kritik der Windenergiebranche (vgl. BWE 2023a) am Diskussionspapier von Dietz et al. (2024) erfolgen müssen. Darüber hinaus wird auch die Herausforderung bestehen, eine Abwägung zwischen effektivem Fledermausschutz und dem Ziel eines guten Erhaltungszustands von Fledermauspopulationen sowie dem Erreichen der Klimaschutzziele im Energiesektor zu treffen. Vom Ausgang dieser Zielabwägung wird es abhängen, ob und in welcher Richtung Anpassungen vorgenommen werden.
Neben den Abschaltparametern wird im Kontext einer möglichen bundesweiten Standardisierung auch über Signifikanzschwellenwerte für Fledermäuse diskutiert. Die divergierenden Vorschläge und ihre fachlichen Begründungen (vgl. ebenfalls Dietz et al. 2024 sowie BWE 2023b) sind in den Standardsetzungsprozess einzubeziehen. Auch hier ist absehbar, dass politische Gewichtungen das Ergebnis beeinflussen. Das KNE setzt sich für einen transparenten Prozess der Entscheidungsfindung ein.
[1] Für eine Definition des Trudelmodus siehe KNE (2024).
[2] Siehe KNE-Leitfadenübersicht.
[3] Der Abgrenzung der Regionen liegen, wie bei ProBat selbst, die naturräumlichen Großlandschaften Deutschlands nach Ssymank (1998) zugrunde.
[4] Dieses Diagramm sowie die weiteren Diagramme in diesem Dokument (Abb. 2 u. 3) finden sich, ergänzt um eine farbliche Hervorhebung im Hinblick auf eine Schlagopferschwelle von < 1, auch bei Dietz et al. (2024, S. 69 f.).
Quellen
Behr, O., Baumbauer, L., Greule, S., Grimm, J., Hochradel, K., Mages, J., Naucke, A., Nagy, M., Simon, R., Weber, N., Korner-Nievergelt, Reers, H. (2023): Akustische Erfassung von Fledermaus an WEA – aktuelle Fragen und Forschungsansätze. Präsentation auf der BWE-Konferenz Windenergie und Artenschutz am 29.06.2023. Hannover.
Behr, O., Brinkmann, R., Korner-Nievergelt, F., Nagy, M., Niermann, I., Reich, M., Simon, R. (2018): Bestimmung des Kollisionsrisikos von Fledermäusen an Onshore-Windenergieanlagen in der Planungspraxis (RENEBAT III) – Endbericht des Forschungsvorhabens gefördert durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (Förderkennzeichen 0327638E). Erlangen, Freiburg, Ettiswil. 415 S. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 27.05.2025).
Behr, O., Brinkmann, R., Korner-Nievergelt, F., Nagy, M., Niermann, I., Reich, M., Simon, R. (2015): Reduktion des Kollisionsrisikos von Fledermäusen an Onshore-Windenergieanlagen (RENEBAT II). Schriftenreihe Institut für Umweltplanung 7. Leibniz Universität, Hannover. 368 S. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 27.05.2025).
BMWK – Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz, BMUV – Bundesministerium für Umwelt Naturschutz nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (2023): Vollzugsempfehlung zu § 6 Windenergieflächenbedarfsgesetz. Berlin. 18 S. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 27.05.2025).
Brinkmann, R., Behr, O., Niermann, I. & Reich, M. (2011): Entwicklung von Methoden zur Untersuchung und Reduktion des Kollisionsrisikos von Fledermäusen an Onshore-Windenergieanlagen. Cuvillier-Verlag, Göttingen. 470 Seiten.
BWE – Bundesverband WindEnergie (2023a): Stellungnahme zu den Ergebnissen des F+E-Vorhabens des BfN zur Bewertung der Signifikanzschwelle für Fledermäuse. Berlin. 12 S. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 27.05.2025).
BWE – Bundesverband WindEnergie (2023b): Praxisvorschläge zum Umgang mit Fledermäusen bei Windenergievorhaben. Positionspapier. Berlin. 15 S. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 27.05.2025).
Dietz, M., Fritzsche, A., Johst, A., Ruhl, N. (2024): Diskussionspapier: Fachempfehlung für eine bundesweite Signifikanzschwelle für Fledermäuse und Windenergieanlagen. BfN-Schriften 682. BfN – Bundesamt für Naturschutz (Hrsg.). 114 S. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 27.05.2025).
FA Wind und Solar – Fachagentur Wind und Solar (2025): Status des Windenergieausbaus an Land in Deutschland. Jahr 2024. 25 S. Link zum Dokument. (letzter Zugriff: 27.05.2025).
ITN − Institut für Tierökologie und Naturbildung (2015): Arbeitshilfe zur Berücksichtigung des Fledermausschutzes bei der Genehmigung von Windenergieanlagen (WEA) in Thüringen. TLUG – Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie (Hrsg.). Gonterskirchen. 121 S. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 27.05.2025).
KNE − Kompetenzzentrum Naturschutz und Energiewende (2025): Anfrage Nr. 140 Vorgaben zu Parametern für pauschale Abschaltungen zum Fledermausschutz in den Ländern. Aktualisierte Antwort vom 28.03.2025. Berlin. 6 S. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 27.05.2025).
KNE − Kompetenzzentrum Naturschutz und Energiewende (2024): Anfrage Nr. 361 zur Abschaltung von Windenergieanlagen („Trudelbetrieb“). Antwort vom 24. September 2024. 7 S. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 27.05.2025).
KNE − Kompetenzzentrum Naturschutz und Energiewende (2023): Anfrage Nr. 146 zur Berücksichtigung des Niederschlags bzw. der Luftfeuchtigkeit bie Abschaltungen von Windenergieanlagen zum Fledermausschutz. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 27.05.2025).