Bestandsentwicklung des Großen Abendseglers und Einfluss der Windenergie

Frage

Wie entwickelt sich der Bestand des Großen Abendseglers (Nyctalus noctula) in Deutschland? Welchen Einfluss hat der Ausbau der Windenergie darauf?

Vollständige Antwort

Wie entwickelt sich der Bestand des Großen Abendseglers in Deutschland?

Der Große Abendsegler (Nyctalus noctula)[1] kommt in ganz Deutschland vor, ist jedoch regional unterschiedlich verbreitet. Außerdem führen Wanderbewegungen des Abendseglers zu jahreszeitlichen Populationsverschiebungen. Wochenstubenschwerpunkte befinden sich in Nordostdeutschland, während in Süddeutschland vor allem Sommerquartiere von Männchen sowie Winterquartiere bekannt sind (Dietz und Kiefer 2020, S. 294). Zum bundesweiten Bestand der Art liegen bislang nur grobe Schätzungen vor. Korner und Nagy (2018, S. 210 f.) gehen beispielsweise von 600.000 bis eine Million Individuen aus.

Fledermausexpertinnen und Fledermausexperten in Deutschland, aber auch aus Österreich und Frankreich berichten vermehrt über teils deutliche Bestandsrückgänge des Abendseglers, wenngleich es offenbar auch regionale Unterschiede gibt (BVF 2021, S. 1 f.).

Von Bestandseinbrüchen wurde beispielsweise in Überwinterungsgebieten in Südhessen über die letzten 20 Jahre berichtet (ebd., S. 1). Auch in Rheinland-Pfalz sind Populationsrückgänge dokumentiert, wobei eine Teilpopulation in einem Kastenrevier in der Nordpfalz sogar erlosch (König und König 2009, S. 104 ff.). In Brandenburg, einem Verbreitungsschwerpunkt der Art in Deutschland mit bedeutenden Wochenstubenquartieren, scheinen die Bestandsentwicklungen hingegen insgesamt stabiler zu sein (BVF 2021, S. 1).

Auf der Roten Liste Deutschland wird der Abendsegler auf der Vorwarnliste geführt (Meining et al. 2020, S. 22), und die aktuelle Bestandssituation wird als „mäßig häufig“ eingeschätzt (ebd., S. 17). Der Bestandstrend ist laut Roter Liste negativ, wobei für den kurzfristigen Bestandstrend eine „mäßige Abnahme“ und für den langfristigen ein „mäßiger Rückgang“ angegeben wird (ebd., S. 22).

Der Erhaltungszustand im aktuellen FFH-Bericht 2025 für die Berichtsperiode 2019 bis 2024 ist für den Abendsegler für alle drei biogeographischen Regionen in Deutschland als „ungünstig-unzureichend (U1)“ eingestuft (BfN 2025a, S. 2; BfN 2025b, S. 2; BfN 2025c, S. 3). Dies stellt ebenfalls eine Verschlechterung im Vergleich zum vorherigen FFH-Bericht von 2019 dar, wonach zumindest für die atlantische Region noch ein günstiger Erhaltungszustand (FV) angegeben war (BfN 2019, S. 2).

Grundsätzlich ist anzumerken, dass das Monitoring von Fledermauspopulationen herausfordernd ist. Fledermäuse sind aufgrund ihrer nächtlichen und versteckten Lebensweise, ihrer großen Mobilität und ihrer vielfältigen Quartieransprüche schwer zu erfassen (Blohm 2021, S. 71). Daher bestehen in Bezug auf die Populationsgröße bzw. Populationsdichte beim Abendsegler – wie bei anderen Fledermausarten auch – derzeit noch erhebliche Kenntnislücken (Dietz et al. 2024, S. 36 ff.).

Welchen Einfluss hat der Ausbau der Windenergie auf den Bestand des Großen Abendseglers?

Einige wissenschaftliche Studien beschäftigen sich mit den Kollisionsrisiken von Abendseglern (und weiteren kollisionsgefährdeten Fledermausarten) an Windenergieanlagen (WEA). Darunter finden sich auch mehrere, in denen Schlagopfersuchen durchgeführt wurden und der Große Abendsegler als Schlagopfer unter WEA gefunden wurde (z. B. Brinkmann et al. 2011; Behr et al. 2015; Behr et al. 2018).

In der bundesweiten Schlagopferdatei der Vogelschutzwarte Brandenburg (LfU BB 2025) wurde der Abendsegler bei den Fledermausarten mit gut 31 Prozent als häufigstes Kollisionsopfer an WEA in Deutschland registriert.[2]

In der Roten Liste Deutschland werden Verluste durch WEA somit nachvollziehbar als ein direkter Risikofaktor für den Abendsegler aufgeführt (Meining et al. 2020, S. 30).

Es ist jedoch methodisch anspruchsvoll, den Einfluss eines Gefährdungsfaktors (z. B. die Windenergie) auf die Populationsentwicklung zu beziffern, da für eine solche statistische Gefährdungsanalyse sowohl populationsbiologische Kennzahlen (z. B. Lebenserwartung und Fortpflanzungsrate) als auch weitere natürliche und anthropogene Gefährdungsfaktoren berücksichtigt werden müssen.

Neben der Kollisionsgefahr an WEA ist der Abendsegler zahlreichen weiteren Gefährdungen ausgesetzt. Maßnahmen der intensiven Land- und Forstwirtschaft führen beispielsweise zu Jagdgebietsverlusten, Quartierverlusten (insbesondere Höhlenbäume) bzw. Störungen in den Quartieren, zu einer Verringerung des Insektenangebots und einer Anreicherung von Giftstoffen im Körperfett (Dietz und Kiefer 2020, S. 26 ff.).

Populationsbiologisch gehört der Abendsegler – wie alle Fledermausarten – zu den K-Strategen. Durch die geringe Reproduktionsrate ist die Fähigkeit, sich von Bestandseinbrüchen zu erholen, sehr gering. Insbesondere Verluste adulter Weibchen können kaum durch eine erhöhte Fortpflanzungsrate ausgeglichen werden. Korner-Nievergelt et al. (2018, S. 330 ff.)  schließen aufgrund ihrer populationsbiologischen Modellierungen eine substanzielle Beeinträchtigung der gesamtdeutschen Populationen des Großen Abendseglers durch WEA nicht aus.

In einer Langzeitstudie aus der Uckermark (Brandenburg) zeigten sich keine negativen Auswirkungen auf die untersuchten Abendseglergesellschaften durch die Errichtung großer Windparks im Umkreis von fünf bzw. zehn Kilometern um die Wochenstubenwälder (Blohm und Heise 2009, S. 20 ff.). Durch die im Vergleich zu anderen Regionen günstige Gesamtsituation für den Abendsegler in den untersuchten Revieren seien die Ergebnisse jedoch vorsichtig zu interpretieren (Blohm und Heise 2009, S. 20 ff.). Die Autoren weisen zudem auf eine hohe populationsökologische Empfindlichkeit der Wochenstuben hin (ebd.). Danach wäre bereits bei einer um drei Prozent erhöhten jährlichen Sterblichkeit der Bestand nach 15 Jahren um die Hälfte geschrumpft und bei einer jährlichen Weibchensterblichkeit von zehn Prozent die Gesellschaft in diesem Zeitraum erloschen (ebd.).

Das Zugverhalten der Art erschwert es, auf der lokalen Ebene einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem Vorhandensein von Windparks und der Entwicklung der lokalen Abendseglerpopulation zu ziehen. So wiesen Lehnert et al. (2014) anhand von Isotopenanalysen[3] nach, dass an Windenergieanlagen nicht nur Abendsegler aus lokalen Populationen (72 Prozent), sondern auch migrierende Abendsegler aus weit entfernten Regionen geschlagen werden (28 Prozent).

Inwiefern die durch Kollisionen eintretenden Verluste populationswirksam sind, kann mit dem derzeitigen Wissensstand nicht abschließend beurteilt werden. Statistische Gefährdungsanalysen bezogen auf bestimmte Umweltfaktoren sind aktuell nicht möglich (vgl. (Dietz et al. 2024, S. 36; Dietz et al. 2016, S. 354). Zudem besteht im Zusammenhang mit stetig wachsenden Anlagengrößen von WEA weiterer Forschungsbedarf (Mammen et al. 2025, S. 115 f.).

Zusammenfassung und Einordnung

Es gibt Hinweise auf eine negative Bestandsentwicklung des Abendseglers in Deutschland, die sich in der Einstufung in der Vorwarnliste der Roten Liste (Meining et al. 2020, S. 22) und eines ungünstigen Erhaltungszustandes nach FFH-Richtlinie niederschlägt (BfN 2025a, S. 2; BfN 2025b, S. 2; BfN 2025c, S. 3). Aufgrund der versteckten Lebensweise von Fledermäusen und der damit erschwerten Erfassung der Artgruppe existieren jedoch nach wie vor Kenntnislücken.

Populationsbiologisch betrachtet ist der Abendsegler als K-Stratege grundsätzlich sensibel gegenüber Individuenverlusten, da er diese nur sehr begrenzt über eine erhöhte Reproduktion ausgleichen kann.

Auch wenn der Einfluss der Windenergie im Verhältnis zu weiteren Gefährdungsfaktoren nicht abschließend bewertet werden kann, ist die Vermeidung von Individuenverlusten in der Bau- und Betriebsphase von WEA deshalb nicht nur aus artenschutzrechtlicher, sondern auch aus populationsbiologischer Sicht von großer Bedeutung. Hierzu gehören insbesondere standortangepasste Abschaltungen während Zeiten hoher Fledermausaktivität in der Betriebsphase (Brinkmann et al. 2011; Behr et al. 2015; Behr et al. 2018).

Ergänzend könnte die Art über Maßnahmen aus dem Nationalen Artenhilfsprogramm des Bundes gefördert werden (BfN, online).

Darüber hinaus sollten Ansätze für standardisierte, langfristig angelegte Monitoringprogramme (beispielsweise im Rahmen des FFH-Monitorings) weiter ausgebaut und methodisch verfeinert werden, um verlässlichere Informationen über Populationstrends zu erhalten. Ein Beispiel dafür ist das durch das Nationale Artenhilfsprogramm geförderten Projekt „BatTrend“, in dem Fledermaus-Monitoring-Methoden für die verbesserte Bewertung von Populationsentwicklungen weiterentwickelt werden sollen (BfN, online).


[1] Nachfolgend verkürzt als Abendsegler bezeichnet.

[2] Bei der Schlagopferdatei ist zu beachten, dass sich diese nur zu einem kleinen Teil aus systematisch erhobenen Daten speist und hier insbesondere Meldungen aus Stichprobenkontrollen und Zufallsfunden einfließen.

[3] Wissenschaftliche Methode, mit deren Hilfe die geografische Herkunft durch die Analysen stabiler und radiogener Isotope bestimmt werden kann.

Quellen

Behr, O., Brinkmann, R., Korner-Nievergelt, F., Nagy, M., Niermann, I., Reich, M., Simon, R. (2015): Reduktion des Kollisionsrisikos von Fledermäusen an Onshore-Windenergieanlagen (RENEBAT II). Schriftenreihe Institut für Umweltplanung 7. Leibniz Universität, Hannover. 368 S. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 16.12.2025).

Behr, O., Brinkmann, R., Korner-Nievergelt, F., Nagy, M., Niermann, I., Reich, M., Simon, R. (2018): Bestimmung des Kollisionsrisikos von Fledermäusen an Onshore-Windenergieanlagen in der Planungspraxis (RENEBAT III) – Endbericht. Erlangen, Freiburg, Ettiswil. 415 S. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 16.12.2025).

BfN – Bundesamt für Naturschutz (2019): Ergebnisse nationaler FFH-Bericht 2019, Erhaltungszustände und Gesamttrends der Arten in der atlantischen biogeografischen Region. 3 S. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 16.12.2025).

BfN – Bundesamt für Naturschutz (2025a): Ergebnisse nationaler FFH-Bericht 2025, Erhaltungszustände und Gesamttrends der Arten in der alpinen biogeografischen Region. 1–5 S. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 16.12.2025).

BfN – Bundesamt für Naturschutz (2025b): Ergebnisse nationaler FFH-Bericht 2025, Erhaltungszustände und Gesamttrends der Arten in der atlantischen biogeografischen Region. 5 S. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 16.12.2025).

BfN – Bundesamt für Naturschutz (2025c): Ergebnisse nationaler FFH-Bericht 2025, Erhaltungszustände und Gesamttrends der Arten in der kontinentalen biogeografischen Region. 8 S. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 16.12.2025).

Blohm, T. (2021): Populationsökologische Untersuchungen am Abendsegler Nyctalus noctula (Schreber, 1774) in der Uckermark, Nordostbrandenburg. Dissertation. Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. 138 S. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 16.12.2025).

Blohm, T., Heise, G. (2009): Windkraftnutzung und Bestandsentwicklung des Abendseglers, Nyctalus noctula (Schreber, 1774), in der Uckermark. Nyctalus 14 (1–2). S. 14–26. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 16.12.2025).

Brinkmann, R., Behr, O., Niermann, I., Reich, M. (2011): Entwicklung von Methoden zur Untersuchung und Reduktion des Kollisionsrisikos von Fledermäusen an Onshore-Windenergieanlagen. Umwelt und Raum 4. 1. Auflage. Cuvillier Verlag, Göttingen. 457 S.

BVF – Bundesverband für Fledermauskunde (2021): Artenschützer aus Europa in Sorge – Der Große Abendsegler im Abwind. Pressemitteilung 03.12.2021. 3 S. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 16.12.2025).

Dietz, C., Dietz, I., Hartmann, S., Hurst, J., Kohnen, A., Steck, C., Brinkmann, R. (2016): Identifizierung von Schlüsselparametern für die Entwicklung von Populationsmodellen bei Fledermäusen. In: Hurst, J., Biedermann, M., et al. (Hrsg.): Fledermäuse und Windkraft im Wald – Ergebnisse des F+E-Vorhabens (FKZ 3512 84 0201) „Untersuchungen zur Minderung der Auswirkungen von WKA auf Fledermäuse, insbesondere im Wald“. BfN – Bundesamt für Naturschutz. S. 353–396.

Dietz, C., Kiefer, A. (2020): Die Fledermäuse Europas. Kosmos-Naturführer. Franckh-Kosmos, Stuttgart. 399 S.

Dietz, M., Fritzsche, A., Johst, A., Ruhl, N. (2024): Diskussionspapier: Fachempfehlung für eine bundesweite Signifikanzschwelle für Fledermäuse und Windenergieanlagen. BfN-Schriften 682. BfN – Bundesamt für Naturschutz (Hrsg.). 114 S. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 16.12.2025).

König, H., König, W. (2009): Rückgang des Großen Abendseglers (Nyctalus noctula) in der Nordpfalz. Nyctalus 14 (1–2). S. 103–109. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 16.12.2025).

Korner, P., Nagy, M. (2018): Populationsbiologische Kennzahlen von Fledermäusen aus der Literatur. In: Behr, O., Brinkmann, R., et al. (Hrsg.): Bestimmung des Kollisionsrisikos von Fledermäusen an Onshore-Windenergieanlagen in der Planungspraxis (RENEBAT III)-Endbericht. Erlangen, Freiburg, Ettiswil. S. 191–312. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 16.12.2025).

Korner-Nievergelt, P., Simon, R., Behr, O., Korner-Nievergelt, F. (2018): Populationsbiologische Modellierung von Fledermauspopulationen. In: Behr, O., Brinkmann, R., et al. (Hrsg.): Bestimmung des Kollisionsrisikos von Fledermäusen an Onshore-Windenergieanlagen in der Planungspraxis (RENEBAT III). Endbericht. Erlangen, Freiburg, Ettiswil. S. 313–342. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 16.12.2025).

Lehnert, L.S., Kramer-Schadt, S., Schönborn, S., Lindecke, O., Niermann, I., Voigt, C.C. (2014): Wind farm facilities in Germany kill noctule bats from near and far. PLoS ONE 9 (8). S. 8. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 16.12.2025).

LfU BB – Landesamt für Umwelt Brandenburg (2025): Fledermausverluste an Windenergieanlagen in Deutschland – Dokumentation aus der zentralen Datenbank der Staatlichen Vogelschutzwarte im Landesamt für Umwelt Brandenburg. Stand vom 26. Februar 2025. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 16.12.2025).

Mammen, K., Mammen, U., Henrichmann, C. (2025): Schutz von Fledermäusen beim Ausbau der Windenergie. Bewertung der Auswirkungen von Windenergieanlagen der neuen Generation auf das Kollisionsrisiko von Fledermäusen. BfN-Schriften 742. BfN – Bundesamt für Naturschutz (Hrsg.). 137 S. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 16.12.2025).

Meining, H., Boye, P., Dähne, M., Hutterer, R., Lang, J. (2020): Rote Liste und Gesamtartenliste der Säugetiere (Mammalia) Deutschlands – Stand November 2019. Naturschutz und Biologische Vielfalt 170 (2). BfN – Bundesamt für Naturschutz (Hrsg.). Bundesamt für Naturschutz, Bonn-Bad Godesberg. 77 S. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 16.12.2025).