86 - Kompetenzzentrum Naturschutz und Energiewende 86 - Kompetenzzentrum Naturschutz und Energiewende

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Veröffentlicht
9.12.2016
Schlagworte
  • Bestandsentwicklung
  • Rotmilan
  • Windenergie

Frage

Immer wieder wird behauptet, dass der Ausbau der Windkraft in Deutschland den Rotmilan in seinem Bestand gefährde. Jetzt habe ich gelesen, dass sich die Bestände des Rotmilans in Deutschland auf einem historischen Höchststand befänden. Ist das korrekt? Können Sie die Bestandsentwicklung für die letzten Jahrzehnte darstellen, im Verhältnis zum gleichzeitigen Ausbau der Windkraft in Deutschland?

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Bestand und Bestandsentwicklung des Rotmilans in Deutschland

Die Aussage, dass der Rotmilan-Bestand in Deutschland „historische Höchststände erreiche“, wird explizit von Kohle (2016, S. 15) getroffen. Diese These basiert jedoch auf Zahlen der letzten zwei Dekaden aus nicht unterschiedlichen Quellen, die somit nur schwer vergleichbar sind (vgl. auch NABU 2016). Für einen von Kohle (2016, S. 16) in diesem Zusammenhang vorgenommenen Bundesländervergleich der Brutpaarzahlen für das Jahr 2000 mit denen für den Zeitraum 2010 bis 2013, der die Aussage untermauern soll, fehlt für die Brutpaarzahlen des Jahres 2000 eine Quellenangabe gänzlich. Daher ist die Aussage kritisch zu sehen und weitere Quellen sind heranzuziehen.

Der aktuelle Bestand des Rotmilans laut dem „Atlas deutscher Brutvogelarten“ (sog. ADEBAR-Bestand) beträgt 12.000 bis 18.000 Brutpaare, wobei die tatsächliche Bestandsgröße eher am unteren Ende der aufgezeigten Spanne liegen dürfte (Gedeon et al. 2014, S. 202). Südbeck et al. (2007, S. 71) schätzten den Bestand für die Zeit um 2005 auf 10.000 bis 14.000 Paare.

Nach Sudfeldt et al. (2013, S. 33) weist der Rotmilan einen langfristig (50 bis 150 Jahre) stabilen Populationstrend auf Bundesebene auf. Detailliertere Informationen zur langfristigen Bestandsentwicklung finden sich bei Gedeon et al. (2014, S. 202). Demnach war nach einer mehrere Jahrzehnte andauernden Erholungsphase des deutschen Rotmilan-Bestandes in den 1950er Jahren, dieser bei regionalen Schwankungen bis in die 1980er Jahre insgesamt stabil. Für den Zeitraum Anfang der 1980er Jahre bis Anfang der 1990er Jahre kann zumindest für das östliche Deutschland von einer deutlichen Zunahme ausgegangen werden (Nicolai 1993, zit. in Gedeon et al. 2014, S. 202).

Betrachtet man den Zeitraum von 1988 bis 2009 auf Grundlage von langfristigen Untersuchungen auf den gleichen Kontrollflächen durch das „Monitoring Greifvögel und Eulen Europas“ (im Folgenden kurz MEROS genannt), so muss man für diesen Zeitraum insgesamt von einem moderat abnehmenden Bestandstrend sprechen (Gedeon et al. 2014, S. 202, vgl. auch BfN 2013). Jüngere Berechnungen des MEROS zeigen nach einem Tiefpunkt im Jahr 2009 für die Folgejahre bis 2014 wieder eine leichte Bestandserholung (Mammen und Thümmler 2015, vgl. auch NABU 2016).

Unter Berücksichtigung der genannten Zahlen kann zusammengefasst ein allgemeiner historischer Höchststand nicht konstatiert werden. Weiterhin ist zu berücksichtigen, dass die Bestandsentwicklung des Rotmilans und auch die Windenergieentwicklung regional sehr unterschiedlich ist (siehe nachfolgend).

Regionale Bestandsentwicklungen des Rotmilans in Deutschland und Verhältnis zum Ausbau der Windenergie

Gemäß Mebs und Schmidt (2014, S. 322) haben die MEROS-Untersuchungen in den letzten Jahren ergeben, dass der Rotmilanbestand insbesondere in Mittel- und Ostdeutschland abgenommen hat, so auch im nordöstlichen Harzvorland, dem Verbreitungsschwerpunkt des Rotmilans. Auch für Brandenburg und den Nordwesten Niedersachsens werden Quellen angeführt, die einen negativen Bestandstrend in den letzten 20 Jahren anführen (ebd.) und auch in Sachsen-Anhalt ging nach Mammen et al. (2014, S. 25) der Rotmilanbestand von 1988 bis 2012 mit einigen Ausnahmejahren kontinuierlich zurück.

Diese Aussagen decken sich mit aktuellen regionalen Trendberechnungen des bereits genannten MEROS, die für die naturräumlichen Großlandschaften Deutschlands nach Riecken (1994) vorgenommen wurden (Mammen und Thümmler 2015). Demnach gab es im nordostdeutschen Tiefland im Betrachtungszeitraum von 1988 bis 2014 nach einem gewissen Bestandsanstieg bis 1992 einen anhaltenden, teilweise kaskadenartigen, deutlich rückläufigen Trend bis 2007. Seitdem hält sich der Bestand auf einem annähernd gleichen Niveau (ebd., S. 8, vgl. NABU 2016, S. 3 Abb. 1). Auch das nordwestdeutsche Tiefland weist insgesamt einen kontinuierlichen Bestandsrückgang auf (Mammen und Thümmler 2015, S. 6f). Die beiden Großlandschaften umfassen mit Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Teilen Sachsens sowie Nordrhein-Westfalens die Bundesländer, in denen in den letzten 20 Jahren die stärkste Windenergie-Entwicklung erfolgte. Dies zeigen eigene Auswertungen auf Grundlage von jährlichen länderbezogenen Zahlen der Agentur für erneuerbare Energien (AEE 2016) zur Windenergieentwicklung in Deutschland.

Für die Großlandschaft der östlichen Mittelgebirge, die wesentliche Teile Thüringens sowie die Mittelgebirge im südlichen Sachsen und in Ost-Bayern umfasst, ist der regionale Trend über den gesamten Betrachtungszeitraum von 1988 bis 2014 trotz Schwankungen leicht positiv, wobei allerdings zwei Landkreise den Datenbestand stark prägen (Mammen und Thümmler 2015, S. 9).

Auch die zusammengefassten Großlandschaften der westlichen und südwestlichen Mittelgebirge einschließlich der Gebiete Alpenvorland und Alpen weisen einen insgesamt stabilen Rotmilanbestand mit Hoch- und Tiefphasen auf (ebd. S. 10f sowie NABU 2016, S. 3 Abb. 1). Über den Zeitraum zwischen 2008 und 2014 gab es trotz Einbrüchen in den Jahren 2011 und 2014 insgesamt eine positive Bestandsentwicklung. Eine positive Entwicklung im etwas abgesetzten südlichen Verbreitungsgebiet des Rotmilans in Baden-Württemberg und Südwest-Bayern bestätigen auch Aussagen von Rödl et al. (2012, zit. in Gedeon et al. 2014, S. 202) sowie der vorsichtige Vergleich von Bestandszahlen für Baden-Württemberg aus den Zeiträumen 2005 bis 2011 (ADEBAR) sowie 2012 bis 2014 (Milankartierung des LUBW) unter Berücksichtigung unterschiedlicher Erhebungsmethoden (Landtag von Baden-Württemberg 2015, S. 3).

Die Windenergieentwicklung in dem mehrere Bundesländer umfassenden Gebiet der Großlandschaften der westlichen und südwestlichen Mittelgebirge vollzog sich leicht unterschiedlich, insgesamt gegenüber der Entwicklung in den nördlichen Großlandschaften jedoch deutlich verzögert. So setzte eine nennenswerte Windenergieentwicklung in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz zwar schon Anfang der 2000er Jahre ein. In den Ländern Hessen, Bayern, Baden-Württemberg und Saarland erfolgte diese erst ab zirka 2011 in nennenswerter Weise. Insbesondere in Baden-Württemberg, mit dem südlichen Verbreitungs-Schwerpunkt und den genannten positiven Bestandstrends, gibt es größere Windenergiezuwächse sogar erst seit 2014 (eigene Auswertung sowie vgl. NABU 2016, S. 3).

Insbesondere hier bleibt es abzuwarten, wie sich der Rotmilanbestand in den kommenden Jahren weiterentwickelt. Dabei spielt möglicherweise auch eine Rolle, dass Verluste von Altvögeln während der Brutzeit nicht nur häufig zu einem Brutverlust im selben Jahr führen, sondern auch Neuverpaarungen mit jungen Brutvögeln mit einem reduzierten Bruterfolg über mehrere Jahre einhergehen können (LAG VSW 2015, S. 12).

Gefährdungspotenzial der Windenergie für den Rotmilanbestand

Hinweise, dass sich die Entwicklung der Windenergie (zukünftig) negativ auf die Bestandsentwicklung des Rotmilans auswirken könnte, finden sich in Studien von Bellebaum et al. (2013) am Beispiel der Rotmilanpopulation Brandenburgs sowie bei Schaub (2012) für die Schweiz.

Aktuelle Berechnungen mit Populationsmodellen, die im Rahmen des Forschungsprojektes PROGRESS auf Grundlage systematischer Kollisionsopfersuchen an Windenergieanlagen (WEA) im norddeutschen Tiefland durchgeführt wurden, weisen nach den Autoren und Autorinnen darauf hin, dass – bei vorsichtiger Interpretation der geringen Datenlage – der derzeitige Ausbauzustand der Windenergienutzung in dem untersuchten Landschaftsraum keinen generellen Bestandsrückgang des Rotmilans durch Kollisionen mit WEA bewirke. Für den weiteren Ausbau bestehe jedoch eine hohe Notwendigkeit, die artenschutzrechtlichen Belange für die Art zu berücksichtigen. (Grünkorn et al. 2016, S. 267)

Bei Modellierungen der Populations-Entwicklung des Rotmilans unter Annahme einer zusätzlichen Mortalität durch WEA-Kollisionen und mit im PROGRESS-Projekt geschätzten Kollisionsraten wiesen zwar vier von insgesamt sechs Simulationen im Median eine negative Populationsentwicklung auf, die übrigen zwei im Median eine konstante (ebd. S. 215). Allerdings ist weiterhin zu berücksichtigen, dass die geschätzten Kollisionsraten nur auf sehr wenigen realen Totfunden im Projekt basieren. Bei der Schätzung wurden nur drei der fünf Rotmilan-Totfunde gewertet, da diese aus Windparks stammen, in denen im 12-wöchigen Untersuchungszeitraum auch mindestens zehn Minuten Flugaktivität registriert wurden (ebd., S. 79). Zudem ist zu berücksichtigen, dass das Untersuchungsgebiet des PROGRESS-Projektes den Verbreitungsschwerpunkt des Rotmilans nicht hinreichend abdeckte und auch die Brutzeit nicht hinreichend abgedeckt war (ebd., S. 60). Daher werden im Fazit der Studie von den Autorinnen und Autoren weitere Untersuchungen in den Schwerpunktgebieten des Rotmilans empfohlen (ebd., S. 266). 

Literaturverzeichnis

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Bellebaum J., F. Korner‐Nievergelt, T. Dürr, U. Mammen (2013): Wind turbine fatalities approach a level of concern in a raptor population. Journal for Nature Conservation 21 (6): S. 394-400.

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Gedeon, K., Ch. Grüneberg, A. Mitschke, Ch. Sudfeldt, W. Eikhorst, S. Fischer, M. Flade, S. Frick, I. Geiersberger, B. Koop, M. Kramer, T. Krüger, N. Roth, T. Ryslavy, S. Stübing, S. R. Sudmann, R. Steffens, F. Vökler, K. Witt (2014): Atlas Deutscher Brutvogelarten. Atlas of German Breeding Birds. 1. Auflage. SDV - Stiftung Vogelmonitoring Deutschland und DDA - Dachverband Deutscher Avifaunisten, Münster. 800 S.

Grünkorn, T., J. Blew, T. Coppack, O. Krüger, G. Nehls, A. Potiek, M. Reichenbach, J. von Rönn, H. Timmermann, S. Weitekamp (2016): Ermittlung der Kollisionsraten von (Greif)Vögeln und Schaffung planungsbezogener Grundlagen für die Prognose und Bewertung des Kollisionsrisikos durch Windenergieanlagen (PROGRESS). Schlussbericht. 332 S. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 16. September 2016).

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Riecken, U., U. Ries, A. Ssymank (1994): Rote Liste der gefährdeten Biotoptypen der Bundesrepublik Deutschland. Schriftenreihe für Landespflege und Naturschutz 41. 184 S.

Rödl, T., B.-U. Rudolph, I. Geiersberger, K. Weixler, A. Görgen (2012): Atlas der Brutvögel in Bayern. Verbreitung 2005 bis 2009. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart. 256 S.

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Südbeck, P., H.-G. Bauer, M. Boschert, P. Boye,  W. Knief, (2007): Rote Liste der Brutvögel Deutschlands. 4. Fassung. Fehlerkorrigierter Text vom 06.11.2008. Berichte zum Vogelschutz 44: S. 23-81. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 21. Jul. 2016).

Sudfeldt, C., R. Dröschmeister, W. Frederking, K. Gedeon, B. Gerlach, C. Grüneberg, J. Karthäuser, T. Langgemach, B. Schuster, S. Trautmann, J. Wahl (2013): Vögel in Deutschland. DDA, BfN, LAG VSW, Münster. 64 S. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 21. Juli 2016).