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Veröffentlicht
20.04.2020
Schlagworte
  • Photovoltaik
  • Vögel

Frage

Gibt es aus Natur- und Artenschutzsicht Einwände gegen die Errichtung von Photovoltaikanlagen? Könnten Wasserinsekten von den Modulen angezogen werden? Kann es bei senkrechten Photovoltaikanlagen zu vermehrtem Vogelschlag kommen? Und wie wirken sich PV-Anlagen auf die Lebensräume besonders geschützter Vogelarten, wie z. B. Heidelerche und Ziegenmelker aus?

!Antwort

PV-Freiflächenanlagen (PV-FFA) sind bauliche Anlagen und bedürfen einer bauplanungsrechtlichen Absicherung und Baugenehmigung. Im Zuge der Genehmigung werden auch die Auswirkungen auf Natur und Landschaft (nach §§ 15 und 44 Bundesnaturschutzgesetz, BNatSchG) geprüft.

PV-Freiflächenanlagen stellen eine Veränderung der Gestalt oder Nutzung von Grundflächen dar und können die Leistungs- und Funktionsfähigkeit des Naturhaushalts oder das Landschaftsbild erheblich beeinträchtigen. Wie erheblich die Beeinträchtigung ist, und in welchem Umfang diese kompensiert werden muss, hängt von der Bauart und Größe, den Standortbedingungen der Flächen sowie von der Sichtbarkeit der Anlagen in der Landschaft ab. Während der Bauzeit und durch (Teil‑)Überstellung von wertvollen Lebensraumtypen und Habitaten (Habitatveränderung, Habitatentwertung) können darüber hinaus auch artenschutzrechtliche Verbotstatbestände erfüllt sein, die gesondert zu prüfen sind.

Grundsätzlich kann zwischen bau- und anlagen- und betriebsbedingten Wirkungen unterschieden werden.

Die baubedingten Beeinträchtigungen treten temporär auf. Zu nennen sind hier:

  • der Verlust von Lebensräumen für Pflanzen und Tiere durch das Freimachen der Baufläche und die Baustelleneinrichtung, inkl. Lager- und Verkehrsflächen,

  • Bodenverdichtung und Veränderungen des natürlicher Bodenaufbaus durch Befahren und den Aushub von Kabelgräben. In besonderem Maße gilt das bei verdichtungsempfindlichen, nassen Böden,

  • Störung bzw. Beunruhigung empfindlicher Tierarten durch Bautätigkeit, Maschineneinsatz und Verkehr.


Anlagebedingte Wirkungen von PV-FFA: Durch die Anlage von befestigten Wegen können dauerhaft (versiegelungsbedingt) folgende Wirkungen eintreten:

  • Es kann zu Lebensraumverlusten für Pflanzen und Tiere kommen.

  • Mit der Überstellung durch die PV-Module und der damit einhergehenden Verschattung, der kleinräumigen Veränderung des Wasserhaushalts und damit verbundenen mikroklimatisch veränderten Standortverhältnissen können Lebensraumveränderungen verbunden sein.

  • Durch feste, bodentiefe Einzäunungen entstehen Barriereeffekte, die Wanderungsbewegungen und Austauschbeziehungen zwischen Populationen beeinträchtigen können.

  • Die Einzäunung in der freien Landschaft beeinträchtigt darüber hinaus auch den Zugang zur Landschaft und schränkt daher Erholungsmöglichkeiten in der freien Landschaft ein.


Die baulichen Auswirkungen von PV-FFA stehen einer Errichtung von PV-FFA nicht grundsätzlich entgegenstehen. Durch eine geeignete Standortwahl, Vermeidungsmaßnahmen und Maßnahmen, die das Eintreten von artenschutzrechtlichen Verbotstatbeständen verhindern sowie durch geeignete Kompensationsmaßnahmen können negative Auswirkungen auf Natur und Landschaft begrenzt werden. Hinweise zur ökologischen Gestaltung von PV-FFA gibt beispielsweise der Praxis-Leitfaden des Bayerischen Landesamtes für Umwelt (LfU 2014).

Auswirkungen auf Wasserinsekten


Zahlreiche Wasserinsekten orientieren sich an dem von Wasseroberflächen oder anderen feuchten Oberflächen zurückgeworfenen Ultraviolett (UV)-Licht. Auch PV-Module reflektieren das UV-Licht. Daher liegt die Vermutung nahe, dass die Moduloberflächen eine Attraktionswirkung für bestimmte Arten (Wasserkäfer-, Wasserwanzenarten) haben können. Auch für weitere gewässeraufsuchende Arten (-gruppen) scheint eine derartige Attraktionswirkung zumindest denkbar (Herden et al. 2009).

Bei größeren Arten sind Verletzungen beim Aufprall auf die Module nicht auszuschließen. Wenn Insekten, auf den von direkter Sonneneinstrahlung stark erhitzten Modulen (es können Temperaturen von um 60 bis 70 °C erreicht werden) landen, könnten sie Verbrennungen der Flügel oder Beine beziehungsweise der Sinnesorgane (z. B. der Antennen) erleiden. Dadurch werden die Flugfähigkeit und ggf. auch die Fähigkeit zur Partnersuche beeinträchtigt. Es gibt auch Beobachtungen von Wasserkäfern an Kunststofffolien, die so lange versuchen in die vermeintliche Wasserfläche einzudringen, bis sie an Erschöpfung sterben (s. Herden et al. 2009).

Welche Folgen die Attraktionswirkung hat und wie diese naturschutzfachlich zu bewerten ist, kann laut Herden et al. nur näherungsweise abgeschätzt werden: der Verlust einzelner Individuen dürfte in der Regel unproblematisch sei, da die meisten Insektenarten in einer vitalen Population relativ große Individuenzahlen erreichen. Bei von Natur aus seltenen Arten mit niedrigen Populationsdichten könnte sich ein zusätzlicher Verlustfaktor hingegen kritisch auswirken. Bisher sind derartige Fälle aber nicht bekannt und auch nicht untersucht worden.

Kollisionsrisiken für Vögel


Im Rahmen der Untersuchungen von Herden et al. (2009) fanden sich keine Belege dafür, dass Vögel mit flach geneigten PV-Modulen (zirka 30°) kollidieren. Bei hoch aufragenden Modulen ist ein Kollisionsrisiko jedoch nicht auszuschließen. (ebd.)

Es stellt sich die Frage, inwieweit senkrecht aufgestellte (doppelseitige) Module ähnliche Kollisionsrisiken bergen, wie sie zum Beispiel von Glas- oder Spiegelfassaden an Gebäuden bekannt sind. An Glasfassaden im Siedlungsbereich verlieren laut den Literaturauswertungen der Vogelwarte Sempach hohe Zahlen an Kleinvögeln ihr Leben (s. https://www.vogelglas.vogelwarte.ch/de/infothek/literatur).

Das Kollisionsrisiko ist besonders hoch, wenn sich Habitatstrukturen wie Gehölze in den (Spiegel-) Glasfronten widerspiegeln. (ebda.) Ob auch vertikale Module ein erhöhtes Kollisionsrisiko aufweisen, hängt neben der Höhe auch von deren Spiegelungsvermögen ab. Dieses wird von Farbgebung und Oberflächenstruktur beeinflusst (Herden et al. 2009). So wirkt es sich risikomindernd aus, wenn die Module eine kontrastierende Farbgebung aufweisen.

Zusammenfassend muss aber festgestellt werden, dass der Kenntnisstand über Kollisionsrisiken an vertikalen PV-Modulen noch gering ist.

Auswirkungen auf besonders oder streng geschützte Arten


Der Bau von PV-Freiflächenanlage betrifft in aller Regel auch Lebensräume von Vogelarten. Handelt es sich hierbei um besonders oder streng geschützte Arten, können durch den Bau der Anlage und die Anlage selbst artenschutzrechtlich relevante Störungs- oder Verdrängungstatbestände eintreten, die genehmigungsrelevant sind. Heidelerche und Ziegenmelker gehören zu den besonders und streng geschützten Arten nach § 44 BNatSchG. Für diese gelten – im Rahmen der Zugriffsverbote – auch Störungsverbote: Erhebliche Störungen sind während der Fortpflanzungs-, Aufzucht‑, Mauser-, Überwinterungs- und Wanderzeiten verboten. Erhebliche Störungen liegen vor, wenn sich durch die Störung der Erhaltungszustand der lokalen Population verschlechtert (vgl. Warnke, Reichenbach 2012). Beide Arten reagieren auf den Wirkfaktor „Überbauung/Versiegelungen“ mit regelmäßiger Relevanz und besonderer Intensität (s. http://ffh-vp-info.de/FFHVP/Vog.jsp?m=2,2,7,0).

Der in fachwissenschaftlichen Studien aufgearbeitete und veröffentliche Kenntnisstand über mögliche Auswirkungen von Photovoltaik-Freiflächenanlagen (PV-FFA) auf die Habitateignung von besonders geschützten Vogelarten ist gering. Ein systematisches Monitoring der Entwicklung von Vogelarten auf PV-FFA-Standorten (Vorher-Nachher-Vergleich; Vergleich mit Referenzfläche) hat nach unserer Kenntnis bisher nicht stattgefunden oder die Ergebnisse wurden bislang noch nicht veröffentlicht. Somit basiert der Kenntnistand bisher im Wesentlichen auf Fallstudien aus veröffentlichten Expertengutachten.

Bei der von Tröltzsch u. Neuling (2013) veröffentlichten Untersuchung einer Fallstudie (Solarfelder auf Standorten in Finow und Lieberose, Brandenburg) kamen die Autoren zu dem Ergebnis, dass anspruchsvollere Vogelarten wie Ziegenmelker und Heidelerche, die in der reichstrukturierten Offenlandschaft brüten, den Bereich des Solarfeldes zumindest im Jahr der abgeschlossenen Errichtung, wenig oder überhaupt nicht als engeres Brutrevier nutzten. (ebda.) Über die Habitatnutzung in den Folgejahren, etwa ob sich die Arten später wiedereinstellten, liegen keine Erkenntnisse vor.

Für Arten wie die Feldlerche, Bachstelze, Hausrotschwanz und Bluthänfling konnten hingegen positive Effekte festgestellt werden. Für diese Arten können die (in der Regel) pestizidfreien, ungedüngten (extensiv genutzten) PV-Anlagenflächen als wertvolle Brutplatz- oder Nahrungsbiotope dienen (vgl. Tröltsch, Neuling 2013). Diese positive Eigenschaft kommt vor allem in ansonsten intensiv genutzten Agrarlandschaften zum Tragen.

Die Beurteilung der Auswirkungen auf die Vogelwelt sollte jeweils im Einzelfall betrachtet werden. Störungssensible und hochgradig gefährdete Arten wie Großtrappen oder Wiesenweihen reagieren möglicherweise sensibel auf die Errichtung von PV-FFA (Herden et al. 2009).

Literaturverzeichnis

Herden, C., Gharadjedaghi, B., Rassmus, J. (2009): Naturschutzfachliche Bewertungsmethoden von Freilandphotovoltaikanlagen. Endbericht. BfN-Skripten 247. Bonn. 195 S. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 20.04.2020).

LfU LT− Bayerisches Landesamt für Umwelt (2014): Praxis-Leitfaden für die ökologische Gestaltung von Photovoltaik-Freiflächenanlagen. München. 67 S. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 20.04.2020).

Tröltzsch, P., Neuling, E. (2013): Die Brutvögel großflächiger Photovoltaikanlagen in Brandenburg. Vogelwelt 134 (3). S. 155-179.

Warnke, M., Reichenbach, M. (2012): Die Anwendung des Artenschutzrechts in der Praxis der Genehmigungsplanung. Möglichkeiten und Grenzen. Naturschutz und Landschaftsplanung 44 (8). S. 247-252. Link zum Dokument (letzter Zugriff: 20.04.2020).

BfN: Link zur Internetseite (letzter Zugriff 20.04.2020).

Vogelwarte Sempach: Link zur Internetseite (letzter Zugriff 20.04.2020).