12.09.2025

Schutz für den seltensten Adler Deutschlands

Das KNE besuchte ein Schutzprojekt für den Schreiadler auf dem Gut Klepelshagen der Deutschen Wildtier Stiftung

Er ist der kleinste Adler Deutschlands – und einer der seltensten heimischen Greifvögel: Nur noch 130 Brutpaare des Schreiadlers brüten in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg, während es weltweit etwa 30.000 Paare gibt. Die Deutsche Wildtier Stiftung, die NABU-Stiftung Nationales Naturerbe und die Stiftung Umwelt- und Naturschutz Mecklenburg-Vorpommern haben im vergangenen Jahr das Projekt „Gemeinsam für den Schreiadler“ ins Leben gerufen, um die Bestände in Deutschland zu stabilisieren. Das Projekt wird als nationales Artenhilfsprogramm gefördert, das für den Schutz von besonders vom Ausbau der erneuerbaren Energien betroffene Arten eingerichtet wurde. Das KNE hat sich vor Ort über das Projekt informiert.

Der Blick geht weit übers Land: Über hügelige Äcker, Wiesen mit eingestreuten Baum- und Strauchgruppen bis hin zum Galenbecker See und den angrenzenden Mischwäldern. „Das hier ist tatsächlich Schreiadlerland“, sagt Michael Tetzlaff von der Deutschen Wildtier Stiftung. Als Ornithologe, Biotoppfleger und Horstbetreuer kennt er dieses Gebiet in der Mecklenburgischen Seenplatte genau. Der Horst „seines“ Schreiadlerpaares liegt nur etwa drei Kilometer Luftlinie vom Aussichtspunkt entfernt, auf dem er der Delegation aus dem KNE gerade erklärt, warum die seltenen Vögel sich hier wohlfühlen. In dieser Landschaft findet der Schreiadler alles, was er zum Leben braucht: Große, naturnahe und damit störungsarme Laub- und Mischwälder mit ausgedehnten angrenzenden Grünlandflächen und vielen Kleingewässern mit zahlreichen Amphibien in der Umgebung. Außerdem wenig Verkehr auf den kleinen Landstraßen.

Der Schreiadler braucht Vielfalt und wenig Störung

Das erfolgreich brütende Pärchen auf dem Gelände des 2.500 Hektar großen Stiftungsguts Klepelshagen der Deutschen Wildtier Stiftung, das zwischen Neubrandenburg und Pasewalk liegt, ist eine Rarität in Deutschland: Nur 130 Brutpaare des Schreiadlers gibt es hierzulande noch, davon 30 in Brandenburg und 100 in Mecklenburg-Vorpommern. Die beiden Bundesländer haben eine besondere Verantwortung für den Schutz und Erhalt der Art, die wegen ihrer Lebensweise auch vom Ausbau der erneuerbaren Energien besonders betroffen ist. Obwohl er oft zu Fuß jagt, gehört der Schreiadler zu den kollisionsgefährdeten Arten, für die Windenergieanlagen gefährlich werden können. Schreiadler sind außerdem sehr sensibel gegen Störungen, halten Abstand zu Straßen, Siedlungen und Stromleitungen. Hinzu kommt, dass die Tiere erst in einem Alter von fünf Jahren geschlechtsreif werden, jedes Paar nur ein Junges pro Jahr aufzieht und nur die Hälfte der Brutpaare überhaupt Bruterfolg haben. All das führt dazu, dass die Art in Deutschland inzwischen vom Aussterben bedroht ist.

Gemeinsam mit der NABU-Stiftung Nationales Naturerbe, der Stiftung Umwelt- und Naturschutz Mecklenburg-Vorpommern und weiteren Schreiadlerexperten hat die Deutsche Wildtier Stiftung deshalb im Jahr 2024 das Projekt „Gemeinsam für den Schreiadler“ im Rahmen des nationalen Artenhilfsprogramms (nAHP) initiiert. Das Förderprogramm richtet sich speziell an Arten, die durch den Ausbau der erneuerbaren Energien besonders betroffen sind und soll dabei helfen, ihren Bestand zu schützen. Da der beschleunigte Ausbau der Windenergie mit der Ausweisung zusätzlicher Flächen für die Windenergienutzung einerseits sowie steigenden Antrags- und Genehmigungszahlen andererseits zu einer potenziellen Betroffenheit des Schreiadlers führen kann, ist das KNE insbesondere an durch Mittel des nAHP geförderten „Umsetzungsvorhaben“ interessiert und begleitet diese.

Bei seinem Besuch vor Ort informiert sich das KNE über das Projekt und erfährt von Dr. Andreas Kinser, Leiter Natur und Artenschutz der Deutschen Wildtier Stiftung, warum das Gut Klepelshagen mit seinen vielen unterschiedlichen Biotoptypen und einer wildtierfreundlichen Landwirtschaft gute Voraussetzungen für die Projektziele bietet. Christiane Röttger von der Deutschen Wildtier Stiftung leitet das Schreiadlerprojekt und erklärt seine vier Bausteine: „Wir optimieren die Brut- und Nahrungsgebiete, beraten landwirtschaftliche Betriebe in der Nähe des Brutgebiets und fördern die ehrenamtliche Horstbetreuung. Außerdem gibt es im Projekt ein Jungvogelmanagement, das die NABU-Stiftung federführend betreut, um den Bruterfolg zu erhöhen.“

Jungvögel in menschlicher Obhut

Was es mit diesem „Jungvogelmanagement“ auf sich hat, beschreibt Dr. Torsten Langgemach von der Staatlichen Vogelschutzwarte Brandenburg, die Kooperationspartner des Projekts ist. Eine Besonderheit in der Fortpflanzungsbiologie des Schreiadlers ist dabei entscheidend: Zwar legt das Weibchen meistens zwei Eier, doch der erstgeschlüpfte Jungvogel drängt sein jüngeres Geschwister vom Futter ab und attackiert es mit Schnabelhieben. Dieser als „Kainismus“ bezeichnete angeborene Aggressionstrieb sorgt dafür, dass fast immer nur das Erstgeborene überlebt.

„Eine Populationsmodellierung hat gezeigt, dass es auf jeden einzelnen Jungvogel ankommt, um den Bestand zu stabilisieren oder sogar zu erhöhen“, betont der Schreiadlerexperte Torsten Langgemach. Um den „Brudermord“ zu verhindern, entnehmen Vogelschutzexperten den Brandenburger Schreiadlerrevieren das zweite Ei aus dem Nest und ziehen den Nachwuchs per Hand auf. Sind die Tiere groß genug, werden sie ausgewildert. Torsten Langgemach weiß aber, dass dieses Verfahren nur eine Übergangslösung sein kann und trotz dokumentierter Erfolge für den Schreiadler längst keine Entwarnung bedeutet. „Das Jungvogelmanagement ist sehr aufwendig und kann keine Daueraufgabe sein. Stattdessen müssen wir langfristig die Mortalität senken”, betont er. „Denn für jeden Altvogel, der umkommt, müssen acht Jungvögel flügge werden.“

Lebensräume werden geschaffen

Damit sich die Schreiadler erfolgreich fortpflanzen, sind auch optimale Jagd- und Brutbedingungen nötig. Rings um das Gut Klepelshagen – und auch in weiteren Gebieten – kümmern sich die Projektpartner daher darum, den Lebensraum für den Schreiadler zu fördern: Ackerflächen werden in Dauergrünland umgewandelt und Landwirte passen mithilfe der Beratung ihr Mahdregime an die Bedürfnisse des Vogels an. Diese Beratung und Kooperation mit den landwirtschaftlichen Akteuren ist erfolgreich, kostet aber natürlich auch Zeit und Ressourcen. Umso hilfreicher ist es, dass große zusammenhängende Flächen bereits im Eigentum der beteiligten Projektpartner sind und Maßnahmen hier rasch umgesetzt werden können. Auch im stiftungseigenen Wald entstehen etwa Refugien für den Schreiadler. Michael Tetzlaff führt die Gruppe aus dem KNE an eine Stelle, wo ein Wehr das Wasser eines kleinen Baches staut. Das angestaute Wasser hat ein Waldsoll geformt, an dessen Ufer der Schreiadler nach Fröschen und anderen Amphibien jagt. Die Maßnahmen lohnen sich: Im Jahr 2024 wurde im Revier erstmals seit 22 Jahren wieder ein Schreiadlerküken flügge.

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